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Tunesien - ein Roman

 

Martina Wegener lebt seit 2004 mit ihrer Familie in Tunesien und arbeitet als Deutsch-Dozentin an der Universität Tunis. Ihre alltäglichen Erfahrungen in einer fremden Welt verarbeitet sie in Form eines Romans, den sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland veröffentlichen will. Hier können Sie den Entwurf der ersten beiden Kapitel lesen:

 

Kapitel Eins: Vorspiel

Plötzlich befand ich mich mitten in einem Märchen. Aus Tausend und einer Nacht. Wie ich in das Märchen hinein geriet, weiß ich nicht mehr. Alles ging plötzlich schnell. Tatsächlich spielte ein Mann eine Rolle, den ich nur noch, natürlich nie ohne einen ganz kleinen ironischen Unterton, "meinen Prinzen" nenne und der jetzt mein Ehemann ist. Unsere Hochzeitsreise führte uns am schiefen Turm von Pisa vorbei, wir verbrachten unsere Flitterwochen in Italien. Mein Prinz hatte einen Auftrag in Tunesien. Mit diesem Land hatte ich bisher nur billigen Tourismus verbunden, sonst nichts.


PISA machte mir den Abschied von der Schule um einiges leichter, aber er war immer noch schwer genug. Eines Morgens fand ich mich im Zimmer meiner Schulleiterin wieder, die mich stets gefördert hatte. Ich fühlte mich sehr klein und schuldig und beichtete. Beichtete, dass ich heiraten würde. Und - meinem Prinzen folgen - ins Ausland, nach Afrika. Und Urlaub bräuchte. Ein paar Jahre. Meine Schulleiterin, deren Engagement für ihre Schule kaum Grenzen kannte, erbleichte. Sie sah wohl doch wenig Chancen, eine entführte Prinzessin zurück zu holen. Einige Wochen später begegnete sie mir auf der Treppe, ich war auf dem Weg ins Klassenzimmer. Sie nahm mich am Arm und sprach mir Mut zu, manche Lebensläufe gingen eben nicht geradlinig, sondern mit vielen Umwegen und Kurven. Sie nahm mir mein schlechtes Gewissen und dafür war ich ihr dankbar.


Die Schule musste im nächsten Schuljahr fünfte und sechste Klassen zusätzlich unterrichten, man hatte die damit verbundenen Raumprobleme immer noch nicht hundertprozentig lösen können und mein Fach Philosophie würde höchstwahrscheinlich mangels Lehrkräften verwaisen. Aber die Liebe hatte jetzt einfach Vorrang. Zumal ich in den letzten Jahren die Grenzen meiner Arbeit kennen gelernt hatte. Man gab alles und bekam wenig zurück. Wenn man privat nicht auftanken konnte, wurde man in dem Job nicht alt. Und natürlich lockte die Ferne.


Die Schüler und Schülerinnen meiner Schule reagierten alle ähnlich - sie waren neugierig und fragten mich, was ich in Tunesien tun würde. Von einigen wurde ich am Ende des Halbjahres mit Blumen und Bildern verabschiedet, ein paar Schülerinnen nahmen mich in die Arme. Das Kollegium hingegen spaltete sich in zwei Parteien, in die, die neugierig war und sich persönlich von mir verabschiedete, und in die, der ich gleichgültig war und vielleicht gab es auch noch eine dritte Partei, die sich über meinen Weggang freute. Wer zur dritten Partei gehörte, kann ich nur vermuten. Mit diesen Vermutungen hielt ich mich aber nicht auf, sondern freute mich meinerseits über alle, die mich mit Neugierde und Anteilnahme verabschiedeten. Denn diese Erfahrung unterschied meinen von Reiners Abschied - auf  seiner Dienststelle des Gewerbeaufsichtsamts fand man es schlicht und ergreifend absurd und versponnen, nach Afrika zu gehen. Mein Mann hörte sogar solche Vermutungen wie diese: Die Afrikaner leben doch alle noch auf den Bäumen. Und die Frage: "Was willst du denn da?" Zumindest eine große Zahl meiner Kollegen hatte da wohl etwas intellektuellere Ansichten.


Die letzten Tage, die ich noch in Deutschland war, waren kalte Februartage. Am siebten hatte ich Geburtstag. Ich nahm meinen Geburtstag zum Anlass, Kollegen und Freunde einzuladen, von denen ich mich mit einem Sekt verabschieden wollte. Wir feierten zwischen Bücherkisten und dabei wurden Preise für Möbel, die ich nicht mitnehmen wollte, ausgehandelt. In meiner Wohnung stand ein Dutzend Blumensträuße. Der größte Strauß (40 rote Rosen) kam mit Fleurop, bestellt aus Afrika, von Reiner, der nun schon drei Monate allein in Tunis weilte. Das letzte Mal hatte ich meinen Prinzen vor sechs Wochen gesehen, nämlich in den Weihnachtsferien.

 

Kapitel Zwei: Fremde Sitten und Gebräuche I (Dezember 2003 bis Juli 2004)

Es war das zweite Weihnachten in Afrika. Im Jahr unseres Kennenlernens waren Reiner und ich zusammen mit meinen beiden Töchtern nach Marokko gefahren; diesmal verbrachten wir den Heiligen Abend in einem zugigen Appartement der Hotelanlage "Golden Tulip" in Gammarth. Mein Mann musste bis zuletzt arbeiten, denn die Araber feiern kein Weihnachten. Diesmal war meine älteste Tochter Johanna zu ihrem Vater nach Bayern in die Skiferien gefahren, Merle aber hatte ich mitgenommen, denn sie sollte mit uns in Tunesien leben. Wir hatten überall im Appartement Teelichter verteilt, die Geschenke auf ein niedriges Tischchen gelegt, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten, zwei riesige Tüten voll. Wir froren. Die Heizung war nicht zu gebrauchen. Aber mein Prinz enttäuschte uns natürlich nicht. Er führte uns aus zu einem festlichen Essen in einem Restaurant in Sidi Bou Said. Es regnete ununterbrochen, die Sonne ließ sich nicht sehen. Aber in diesem kurzen, einwöchigen Aufenthalt fanden wir die Wohnung, in der wir ab Februar leben wollten. Es war die zweite Wohnung, die ich mir ansah und die Reiner mir präsentierte, sie gefiel mir und Merle sofort.

Die ersten Tage in Tunis im Monat Februar vergingen sehr langsam. Die Temperatur lag weit unter 20 Grad, Regen, Regen, Regen, der Himmel hatte nicht die erwartete Farbe, sondern war grau-schwarz. Die Wohnung aber machte mich glücklich. Es waren ungefähr 150qm, die so kommunikativ geschnitten waren, dass man von jedem Punkt der Wohnung aus miteinander reden konnte. Das Schlafzimmer des Prinzenpaares hatte ein eigenes riesiges Bad und einen wunderschönen, arabisch gefliesten Balkon, der beinahe 20 Quadratmeter groß war. Das Zimmer von Merle hatte ein Fenster, das ebenfalls auf den großen Balkon ging und der Wohnraum hatte eine große Flügeltür zum Balkon. Er war außerdem mit Bögen, Nischen und Säulen versehen, die daran erinnerten, dass wir in Karthago waren. Er war riesig und durch eine in ganzer Breite des Raumes verlaufene Stufe in zwei Ebenen aufgeteilt. Die höhere führte zum Balkon, während die niedrige Ebene durch einen Kamin begrenzt wurde. An diesem Kamin saßen wir und versuchten uns zu wärmen, denn die Heizung hatten wir auch hier noch nicht in Gang bekommen.

In den ersten Wochen fühlte ich mich wie eine orientalische Prinzessin hinter vergitterten Fenstern. Jeder Schritt nach draußen war eine Überwindung. Es fiel mir plötzlich leicht, mich in die Situation aller Frauen der Welt hinein zu versetzen, die in einem fremden Land saßen und seine Sprache nicht beherrschten. Hatte ich einmal darüber nachgedacht, wie viele muslimische Frauen in Deutschland in ihren Wohnungen saßen? Die noch nicht einmal einen Mann hatten, der sie ermutigte, sondern ihnen vielleicht sogar den Kontakt zur Außenwelt verbot? War es nicht gut, einmal jemand anders zu sein? Nicht die westliche, emanzipierte Frau, sondern die, die unter Regen verhangenem Himmel in Tunis in ihrer Wohnung saß?


Da ich jedoch in Deutschland lange Zeit eine arbeitende, allein erziehende Mutter gewesen war, ließ ich mir das Verharren hinter vergitterten Fenstern und auf geschützten Balkonen nicht lange durchgehen. Gott sei Dank war es auch nicht so, dass mein Prinz sich als Tyrann entpuppt hätte. Er wäre ja nicht mein Prinz gewesen, wenn er nicht die ersten Wochen mich so wenig allein gelassen hätte wie nötig und soviel begleitet hätte, wie es nur ging. Aber immerhin musste er auch arbeiten.

Ich weiß nicht, wie es ausgeht, wenn eine tunesische Frau, die kein Wort Deutsch spricht, nach Deutschland kommt. Ich ahne Böses. Aber ich erfuhr schnell, dass man weder französisch noch arabisch sprechen musste, sondern dass es ausreichte, eine deutsche, verheiratete Frau zu sein, um so ziemlich alle Wünsche erfüllt zu bekommen. Wie sehr der Kolonialismus nachwirkte, sollte ich schnell lernen.

Bereits als ich noch grübelnd hinter Gittern saß, pochte es an der Tür - kräftig. Ich raffte mich auf und öffnete... Weiter zu Teil II

 

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