Von Martina Wegener
Bereits als ich noch grübelnd hinter Gittern saß, pochte es an der Tür - kräftig. Ich raffte mich auf und öffnete. Draußen stand kein Dschinn, sondern der Bauarbeiter, der auf der Baustelle nebenan arbeitete und bereits meinem Mann beim Einzug geholfen hatte. Aus den Brocken Französisch, die er sprach, entnahm ich, dass er den Marmoraufgang zu unserer Wohnung putzen wollte. Ich war so ein Angebot nicht gewohnt. Aber ich holte Eimer und Seife und er putzte eine halbe Stunde. Warum tat er das? Was sollte ich ihm geben? Vor diesen Fragen stand ich zunächst ratlos. Ich verfiel aufs Rechnen. Ich wusste von meinem Mann, dass ein Arbeiter auf der Baustelle, die unserem Vermieter gehörte, im Monat 250 TDinar verdiente, umgerechnet waren das ungefähr 150 Euro. Ich gab ihm drei Dinar, die er zuerst nicht annehmen wollte. Ich überlegte: Für drei TD war ich gestern Morgen einkaufen gewesen und hatte zwei Baguettes und einen Topf Erdbeermarmelade gekauft. Also bestimmte ich, dass das ein fairer Lohn war. Ich sagte ihm, das wäre schon okay. Ich grübelte über seine Motive, er war so anders als die unverschämten Händler, die ich als Touristin kennengelernt hatte. Er war bescheiden, freundlich und machte den Eindruck, dass er gar nicht auf Geld aus war.
Am nächsten Tag kam Ammar wieder, schenkte uns als Willkommensgruß und Gruß von seiner Familie, die noch weiter im Norden in der Nähe von Tabarka, in Nefsa, lebte, zwanzig frische Eier.
Fortan durfte ich keinen Besen mehr zur Hand nehmen, keinen Müllsack tragen, keine Taschen, ohne dass Ammar von der Baustelle nebenan herbeieilte und die Arbeit übernahm.
Das herrschaftliche Dasein war mir jedoch schon nach einer Woche langweilig. Ich beschloss, mich unters Fußvolk zu mischen. Wie ich erst viel später erfahren sollte, als ich bereits ein halbes Jahr im Land war und doch wieder als Lehrerin arbeitete, taten viele Europäer, die hier lebten, diesen Schritt niemals. Sie blieben in ihren Autos und ihren Villen, zumal viele von ihnen auch Diplomatenstatus hatten.
Ich war jedoch nicht vom fliegenden Teppich gestiegen, um mich fortan hinter weißen Mauern zu verstecken. Und ich hieß auch nicht Nurun Nahar. Dabei kam mir die Tatsache zu Hilfe, dass unser Haus direkt hinter der TGM-Station lag, ein kleiner, mit himmelblauen Eisen-Zäunchen eingefasster Bahnhof einer Vorortbahn, die der Regionalbahn der Deutschen Bundesbahn, wie sie in den Sechzigern bei uns fuhr, glich. Dieses Bähnchen verband Carthage mit der Hauptstadt Tunis.
Ich ging über die Bahnschienen die Straße entlang und sah eine alte Frau im Pelzmantel, umringt von zwei jungen Leuten und es gab irgendeinen Konflikt. Ich verstand nichts. "Madame", wendete sie sich Hilfe suchend an mich. Ich ahnte, dass es sich um einen komplizierten Fall handelte, für den man auf alle Fälle fließend französich sprechen musste. "Je parle pas francais, Madame", sagte ich vorsichtshalber. Weiter die Straße entlang. Männer auf Mauern, die hockten und guckten. Wohin sollte ich den Blick wenden? Überall standen und saßen Männer zusammen und redeten und schauten. Wenn sie etwas sagten, verstand ich sie meist nicht. Ich fuhr das erste Mal mit der TGM nach Tunis. Reiner würde pünktlich an der Station sein und mich in der Hauptstadt abholen, dann wollten wir gemeinsam zu Mittag essen. Es waren kleine Projekte für mich, um wieder selbstständig zu werden. In der Stadtbahn drängten sich die Menschen. Die Türen waren offen und einige junge Männer hingen in der Türöffnung. Dass das gefährlich war, schien hier niemanden zu kümmern. Seltsamerweise bekam ich ohne Probleme einen Platz. Wenn ein Platz frei wurde, drängte sich niemand darum. Natürlich wurde Arabisch gesprochen. Eine Tunesierin fiel mir auf, weil sie so schmerzverzerrt schaute, sie saß mir schräg gegenüber auf der anderen Seite des Ganges. Alles an ihrem Gesicht - ihr Mund war verzogen, ihre Augen glühten - drückte so intensiven Schmerz aus, dass ich nicht anders konnte, als fasziniert zu ihr hinüber zu schauen. Es sah aus, als hätte sie Kopfschmerzen. Diese LEIDENschaft in ihrem Gesicht war sozusagen außereuropäisch. Die Menschen in der Bahn hatten kein Problem mit Körperkontakten - gleichgeschlechtlichen wohlgemerkt. Während ich mich zu meinem Platz bewegte, fasste mich eine Frau an Schulter und Rücken, eine andere nahm ihre Hand nicht mehr aus dem Haar der Freundin und knetete es sinnlich, dabei erzählte sie ihr etwas. Ein junger Mann saß lachend auf dem Schoß eines anderen. Alles war lebendig und fröhlich, bis auf meine Kopfschmerznachbarin. Die Bahn wurde von Station zu Station, bis sie in Tunis Nord angekommen war, immer voller. Hier dürfte niemand herein, der unter Platzangst leidet, dachte ich. Aber es sah eher so aus, als wurde die langsame, ruckelnde Tour von den Fahrgästen genossen. Stumpfe U-Bahn-Blicke gab es hier nicht.
Als ich glücklich und erschöpft zu Hause in Sidi Bou Said ankam, klopfte es wieder auf diese laute, Furcht erregende Weise. Ich zögerte jedoch nicht, die Tür zu öffnen, auch wenn ich wusste, dass mir wieder eine mühselige Verständigungsstrapaze bevorstand. Vor der Tür stand Ammar, so freundlich, mit so vielen "ça va?", dass ich augenblicklich meine Scheu verlor. In seinen Armen trug er Holz für unseren Kamin. Dabei vergaß er nicht, mich zu warnen, dem Patron etwas zu sagen, denn Holz aus dem Wald zu holen, war strafbar. Wir müssen unbedingt herausfinden, wo es Kaminholz zu kaufen gibt, dachte ich. Ich bot ihm einen Kuchen aus der Schachtel an, die ich in einer noblen Patisserie in Tunis hatte füllen lassen. Er nahm dankend an. Ich spürte, dass es nicht richtig war, ihm Geld anzubieten. Statt dessen war ihm sehr daran gelegen, dass wir seine Familie in Tabarka besuchen sollten. Er lud uns ein und sollte es nicht zum letzten Mal tun.
In den ersten Wochen nach meiner Ankunft erhielten wir noch eine Einladung, aber diesmal von europäischer Seite. Wir wurden vom Chef der GTZ in Tunis eingeladen. Obwohl wir eine freundliche, aufgeschlossene Familie vorfanden, bestätigte sich meine Vermutung, dass die Deutschen hier Sultan spielten. Man lebte in einer Villa mit mindestens zehn Zimmern und einem so riesigen Salon, dass dieser schon allein als Wohnung hätte dienen können. Man hatte mehr Zimmer als Möbel. Und natürlich eine Dienerschaft, welche das Essen kochte, aufräumte, den Garten bewerkstelligte, die Villa bewachte und die Kinder betreute. Reiner hatte vor einigen Tagen eine Mail von Bekannten aus Südindien bekommen. Dort schlief das Hauspersonal sogar in der Wohnung und die deutsche Frau war ganz unglücklich, weil sie keinen unbeobachteten Schritt mehr machen konnte.
Weil die Familie aber eben doch nett war, verabredeten wir uns zu einem Kino-Abend, der von der Goethe-Gesellschaft organisiert wurde. Wir fuhren mit den Kindern ins Rio. Gezeigt wurde "Good bye, Lenin", den Film wollte ich mir schon in Deutschland angucken, war aber nicht dazu gekommen. Desto überraschter war ich, dass ich nun hier, fern von der Heimat dazu die Gelegenheit haben sollte, deutschsprachig. Das riesige Kino mit den rot gepolsterten Sitzen war brechend voll, was mich noch mehr überraschte. Das waren keine Deutschen, die da laut gestikulierend sich etwas auf Arabisch zuriefen und zwischen den Samtsitzen hin und her liefen. Der Film war für 20.00 Uhr angekündigt, lief aber nach einer Ansprache auf Französisch mit deutscher Begrüßungsformel erst gegen halb neun Uhr an. Dann kamen erst einmal spannende Lichteffekte und es tat sich auf der Leinwand gar nichts. Klatschen. Warten. Dann eine Vorschau auf den dritten Teil von "Der Herr der Ringe". Dann endlich, mit angenehmem Wegfall der Werbung, der Film! Hinterher begeisterter Applaus. Auf der Rückfahrt saß ich neben dem GTZ-Chef und hatte wohl dieselben Gedanken wie er. "Das haben die Zensoren wohl nicht geschnallt", meinte er. Denn zwischen der DDR und Tunesien fanden wir in Bezug auf die diktatorischen, verkrusteten Staatsstrukturen Parallelen, die ins Auge sprangen. Dieser Film wurde allerdings auch nur an einem Abend gezeigt. Er lief nur auf Einladung und keineswegs offiziell. Für die deutsch interessierten Tunesier musste das ein Highlight gewesen sein, das verstand ich jetzt.
Mein Prinz war in den ersten Wochen doch sehr nervös. Er hatte mich ja entführt und nun fühlte er sich dafür verantwortlich, dass es mir wohl erging. Vielleicht hatte er auch ein wenig Angst, dass ich wieder auf den fliegenden Teppich springen und entfliehen könnte.
Anders als mit dieser Nervosität war es nicht zu erklären, dass er mitten im Stadtverkehr von Tunis seine Fahrertür aufriss, ohne in den Rückspiegel zu schauen. Es knallte ganz fürchterlich. Eigentlich war ich Schuld, denn wir waren sehr in Eile, um Merle aus ihrer amerikanischen Schule abzuholen. Ich machte mir Sorgen um sie, wie würde sie in der fremden Umgebung zurecht kommen und welche Ängste mochte sie ausstehen, wenn wir nicht pünktlich waren? Ich war es, die sich nicht traute, sich allein durch den Straßenverkehr zu kämpfen. Vielleicht würde ich den Weg nicht finden oder von einem der zahlreichen Polizisten angehalten werden. Er würde auf mich einreden, irgendwelche Papiere wollen und ich würde nichts verstehen. Wer weiß, was dann mit mir geschähe. Reiner ließ mich aus dem Auto, damit ich in einem Café auf ihn warten könnte. Das allein war für mich schon viel verlangt. Als ich gerade den Rücken gekehrt hatte, knallte es. Straßenpoller kippten um und ich sah, wie die Scheinwerfer eines fremden Autos zersplitterten. Eine Tunesierin stieg aus. Mein Prinz sagte: Je n´ai pas vu. Er hätte brusquement, wie die Tunesierin behauptete, die Tür geöffnet. Tatsache war aber auch, dass sie viel zu schnell gefahren war. Die Fahrertür von unserem Jeep ließ sich nicht mehr schließen. Schließlich klärten wir die Versicherungsverhältnisse und befestigten die Tür provisorisch mit dem Sicherheitsgurt. Als wir von der Schule wieder losfuhren, überlegte mein Mann, den Schaden am besten gleich reparieren zu lassen, denn mit offener Tür konnte man auch in Tunis nicht fahren. Wir fragten also bei einem uns seriös erscheinenden Toyotahändler nach und bekamen eine Empfehlung: eine Werkstatt mit einem französischen Besitzer in einem bestimmten Stadtteil neben einer größeren Telefonniederlassung. Adresse unbekannt. Wir fuhren los. Aber was dann kam, damit hatten wir nicht gerechnet. Wir fuhren geschlagene zwei Stunden durch diesen neuen Stadtteil, der aussah, als wäre dort eine Bombe gefallen. Dabei wurde nur überall zur gleichen Zeit gebaut. Ich atmete so viele Abgase ein, dass mir fast schlecht wurde. Überall gab es Garagen, also Werkstätten, aber niemand schien unsere Tür schnell reparieren zu können. Die empfohlene Werkstatt fanden wir nicht. Wir wurden von scheinbar informierten Tunesiern kreuz und quer durch die Straßen geschickt, jeder gab uns eine andere Wegbeschreibung, die so ungenau war, dass sie eigentlich gar keine war. Ich konnte einfach den Gedanken nicht verdrängen, was gewesen wäre, wenn dies mir allein passiert wäre. Ich hätte kaum die Hälfte verstehen können und wohl gar nicht erst versucht, die Garage zu finden. Aber mich ließ diese Idee trotzdem nicht verzweifeln, denn ich sah auch viele junge Tunesierinnen tapfer am Steuer sitzen. Schließlich gaben wir Merle zu Liebe, die müde und hungrig von der Schule war, auf. Dann hatte der Prinz einen wahrhaft königlichen Einfall. Er wollte Ammar fragen, ob er eine gute Garage wüsste. Ammar wusste eine und begleitete ihn am nächsten Morgen dorthin. Eine französische Werkstatt. Binnen einer halben Stunde war unser Problem gelöst. Wir lernten: Mit ungefähren Wegbeschreibungen tunesischer Passanten kommt man hier nicht weit. Die Dame, die in den Unfall verwickelt war, erschien in der darauf folgenden Woche nicht zum Rendez-vous und meldete sich nie wieder bei uns.
Mein Prinz war noch aus einem anderen Grund nervös. Er sollte in einer tunesischen Behörde als Umweltberater eingesetzt werden, aber das hatte man sich in Deutschland wohl leichter vorgestellt, als es war. Er stieß nicht nur auf die Abwesenheit jeglicher Vorstellungen über Infrastruktur und deren Organisation, sondern rannte vor allem gegen eine Blockade, die gegenüber europäischem Know-how bestand. Wichtige Papiere, die Reiner als Leitlinien ausarbeitete, wurden lächelnd entgegen genommen und verschwanden dann in der Schublade. Sie wurden unter Verschluss gehalten, statt dass man sie zur freien Diskussion stellte. Reiner sagte, er wolle eine Besprechung. Ah bon? war alles, was er als Antwort erhielt. Der einzige, mit dem Reiner sich auf Anhieb zu verstehen schien, war Monsieur Adel. Er unterschied sich von den meisten seiner Kollegen darin, dass er ein paar Semester in Frankreich studiert hatte und rückhaltlos die Arbeit meines Prinzen bewunderte, sobald er einen Blick auf seine Goldene Tafel, seinen Laptop, geworfen hatte. Wie könne man nur so systematisch arbeiten, wunderte sich Adel wieder und wieder. Reiner erzählte es mit Genuss. Vergnügen, das ich weniger teilen konnte, schien ihm auch noch eine andere Tatsache zu bereiten. Monsieur Adel hatte Reiner erlaubt, seine Mails durchzusehen, die er sich aus Ägypten hatte schicken lassen. Die Fotos zeigten nackte Ägypterinnen und pornographische Abbildungen. Sie waren säuberlich eingerahmt und mit arabischer Beschriftung versehen. Mein Prinz traute seinen Augen nicht, wie leicht es anscheinend war, die Internetzensur zu umgehen. Für den Rest des Nachmittags war Monsieur Adel mit dem Öffnen seiner Mails aus Ägypten beschäftigt. Eigentlich oblag ihm die Verantwortung für die Ölplattformen, aber Reiner hatte ihn bisher noch kaum ernsthaft arbeiten sehen...
Martina Wegener lebt seit 2004 mit ihrer Familie in Tunesien und arbeitet als Deutsch-Dozentin an der Universität Tunis. Ihre alltäglichen Erfahrungen in einer fremden Welt verarbeitet sie in Form eines Romans, den sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland veröffentlichen will. Dies waren die ersten beiden Kapitel.
http://www.wegener-stratmann.de
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