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Eine Reise durch 22 Staaten der USA

Ein Erfahrungsbericht

 

Julia Stander hat die USA von Ost nach West durchquert - und wieder zurück. Wahrlich Stoff genug für einen Bericht:

 


From counsellor to backpacker – A journey through 22 states of America

 

Wednesday, august 14th
Die erste 13 Stunden Busfahrt – “The falls is only the beginning”

Wir sitzen im Pick-Up und essen Icecream. Die Hitze ist fast nicht zu ertragen und die Stimmung eine eigenartige Mischung aus Abschiedsmelancholie, Aufregung und etwas Angst. Ich weiß nicht, wo wir den nächsten Abend verbringen werden, geschweige denn die nächsten Wochen. Noch ist völlig unklar, in welche Richtung es gehen soll, wo wir schlafen werden, ob unser Geld reichen wird… Das alles hört sich nach einem guten Thrill an, doch zu diesem Zeitpunkt, in jener Situation empfinde ich die nackte Panik.




Joey aus Tschechien und ich lernten uns im Summer Camp kennen, wo wir die letzten zwei Monate als Counselors gearbeitet haben (siehe Teil 1). Unsere „Campmutti“ und -Eigentümerin Holly hat uns heute nach Portland zur Greyhound Station gefahren und wird uns hier – vermutlich für immer – verabschieden. Große Worte fallen mir nicht ein und auch die Tränen wollen wider Erwarten nicht kullern. Zu überwältigend ist meine Aufregung und außerdem habe ich in der letzten Campwoche gewissermaßen eine Verabschiedungsroutine entwickelt. So wird es ein fröhlicher Abschied. Wir winken Holly lange hinterher, dann flüchten wir in die klimatisierte Busstation.

Joey nimmt nun erstmal das Tourmanagement in seine Hand. Bereits im Camp hat er sich über die so genannten „Drive-away Companies“ informiert, welche in den USA eine sehr bequeme und günstige Möglichkeit zum Vorankommen bieten. Das funktioniert so: Wohlhabende Amerikaner, die an einen weit entfernten Ort umziehen oder sich dort für einen längeren Zeitraum aufhalten müssen, nutzen selbst das Flugzeug und geben an eine DAC den Auftrag, ihr Auto dorthin zu überführen. Als Fahrer werden dann abenteuerlustige Backpacker – so wie wir – engagiert. Die müssen dann lediglich Kaution und Sprit bezahlen, sowie sich an eine bestimmte Zeitangabe halten, zu welcher der Wagen am Ankunftsort sein muss.
Keine halbe Stunde später hat Joey eine Company ausfindig gemacht, für die wir einen Wagen nach Chicago überführen können. Dafür springen wir jetzt in den gerade bereit stehenden Bus nach Boston. Ich werde langsam schicksalsgläubig und meine Angst weicht nun endgültig der blanken Abenteuerlust. We’re on the road!

Drei Stunden Busfahrt und eine geschnorrten Freiheitszigarette später stellt sich heraus, dass Joey und die DAC sich doch nicht so recht verstanden haben, denn der Wagen nach Chicago soll erst in fünf Tagen starten. Dafür bietet man uns nun ein Auto nach Florida an…  Ich lege mein Veto an, denn wir wollen an die Westküste und zwar ohne gigantische Umwege. Unser Backpacker Budget ist schließlich begrenzt. So langsam neigt sich der Tag auch dem Ende zu und so entschließen wir uns, ein Greyhound Ticket zu den Niagara Fällen zu kaufen. Als ich dieses genau studiere, fällt mir vor Entgeisterung fast das Gesicht raus. Zum ersten Mal bekomme ich eine Ahnung davon, mit welchen Dimensionen ich es hier zu tun habe. Während die Strecke Boston – Niagara Falls auf meiner riesigen USA Karte noch nicht mal eine Daumenlänge beträgt, so bedeutet das in Wirklichkeit, dass wir für die nächsten 13 Stunden Bus fahren müssen. Auf alle Fälle ist so schon mal die Übernachtungsfrage geklärt.

Mehr oder weniger pünktlich am Morgen kommen wir im kleinen Örtchen „Niagara Falls“ an. Hier ist alles ziemlich trostlos und schmutzig. Dafür sind die Menschen sehr freundlich. In der Busstation dürfen wir kostenlos unser Gepäck wegschließen und bekommen touristische Beratung von einem Angestellten. Als wir ihm erzählen, wo wir herkommen, macht er ein besorgtes Gesicht und meint, dass es ja wohl ganz schön schlimm stünde um unsere Heimat. Joey und ich, seit Wochen unter Nachrichtendeprivation, schauen uns verdutzt an und glauben gerade aufs Korn genommen zu werden. Schließlich bekommen wir auch noch eine Zeitung und finden, dass unsere Länder von einer „Jahrhundertflut“ betroffen sind. Unsere Wohngebiete sind nicht in Mitleidenschaft gezogen, dennoch muss ich erstmal meine Eltern anrufen und genaueres in Erfahrung bringen. Mir wird bewusst, wie weit ich eigentlich von zu Hause weg bin.



Der Neugier- und Erlebnisdrang unterdrückt die langsam aufkommenden Anfälle von Müdigkeit und Erschöpfung und so machen wir uns endlich auf zu den Fällen. Ich bin tierisch gespannt, vor allem als ich schon bald ein Donnern aus der Entfernung wahrnehme. Um die Kaskaden ist das Gebiet voll und ganz touristisch erschlossen, kein Schmutz mehr und keine Tristesse. Dafür bunte Ballons und Wimpel, Grünanlagen, Fressbuden  und Menschenmassen. Die Niagarafälle sind in meinen Augen spektakulär und weit entfernt von einem „Naja…“, das ich bereits von mehreren Ami-Touris als Einschätzung zu hören bekommen hatte. Joey hat glücklicherweise dieselbe Meinung und so wandern wir alles ab, machen Fotos und schließlich die „Cave of the winds“-Tour unter den Fällen entlang. Gigantisch! Trotz Regenmantel, Plastik-Hut und Spezialschuhen, werden wir von oben bis unten geduscht, was bei den Temperaturen eine Erholung ist.

Schließlich suchen wir das örtliche Hostel auf, werden sehr freundlich empfangen und ich treffe zum ersten Mal Leute, mit denen ich Deutsch reden kann. Am Abend ist aus unserem Backpackerduo bereits eine Gruppe geworden und wir ziehen erneut los, um die Fälle bei Nacht zu bestaunen. Das ist dann eine ganze Menge Wasserfall-Gucken für einen Tag.

Am nächsten Morgen finden Joey und ich uns nach Ausschlafen und ausgedehntem Frühstück an der Busstation wieder und geben unseren Plan mit der Drive-away Company auf. Bisher hat es nie so richtig geklappt, deswegen an dieser Stelle ein kleiner Tipp:
Wer vorhat die Staaten mit einem Überführungsauto zu bereisen, sollte dies entweder lange im Voraus planen und entsprechende Aufträge bei den Companies ausfindig machen oder aber sehr flexibel bei der Reiseroute sein. Die Wahrscheinlichkeit kurzfristig ein Auto zu bekommen, das prompt zum eigenen Traumziel befördert werden muss ist eher gering.

Wir wählen also Plan B und investieren unser Taschengeld in einen „Ameripass“. Der kostet für Studenten ca. 350 $ und man kann für einen Monat jeden Greyhound Bus in den Vereinigten Staaten und sogar in Kanada nutzen. Da das Liniennetz und die Anbindungen sehr gut sind, ist das eine sehr attraktive Fortbewegungsmöglichkeit für Backpacker, die keine Nackenschmerzen und sonstige Verschleißbeschwerden nach langen Busfahrten scheuen.

Ich versuche mir die Zeit im Bus so schön wie möglich zu machen. Ich schreibe mein Journal und lese Bücher, die ich in den verschiedensten Hostels mitnehmen durfte. Ich kaufe mir eine kleine Kuscheldecke um mich vor frostigen Angriffen der Air Conditition zu schützen. Manchmal ist die Landschaft atemberaubend, dann höre ich Musik und schaue ewig nur aus dem Fenster und versuche mir die Bilder in mein Hirn einzubrennen. Nicht zuletzt ist der Bus auch eine ziemlich kommunikative Zone. Entweder werte ich mit Joey Camp-Ereignisse aus oder wir lernen jeweils einen fremden Sitznachbarn kennen. Hin und wieder muss ich dabei feststellen, dass ich nach zwei Monaten USA noch längst nicht alle Dialekte reibungslos verstehe.

 



August 18th
Chicago - Big City Flair

Angekommen in Chicago begeben wir uns auf die Suche nach einem Hostel, denn wir wollen uns mal wieder Schlaf in einem richtigen Bett genehmigen. Und eine lange heiße Dusche. Das „International Youth Hostel“ erscheint mir wie der pure Luxus im Backpacker Milieu. Ein Hauch von Zivilisation erfüllt mich: weiß bezogene und duftende Betten, das Bad gleich mit im Zimmer, Abendessen kochen in einer immensen, gut ausgestatteten Küche, Panorama-Gesellschaftsraum mit riesengroßer Fensterwand und … Internet Access! Unsere Akkus sind im Nu aufgetankt und wir können schon wieder auf Erkundungstour gehen.

Ziemlich schnell stellen wir enttäuscht fest, dass man in zwei Tagen nur einen Bruchteil von Chicago kennen lernen  kann, aber wir tun unser bestes. Straff durchorganisiert schaffen wir also eine Downtown-Tour mit dem Loop-Train und lernen dabei, dass Chi – ca - go eine indianische Benennung ist und „Stadt des stinkenden Wassers bedeutet“. Zum Glück macht es seinem Namen heute nicht mehr alle Ehre. Außerdem schlendern wir am Lake Michigan entlang, machen Touri-Fotos am Buckingham Fountain, besichtigen den Sears Tower und fahren am Abend Riesenrad auf der Navy-Pier – Jazz Musik, Fireworks und optimaler Ausblick auf die Skyline inklusive.

Joey und ich, wir beiden Landratten, hätten uns nach diesem eindrucksvollen ersten Tag in einer amerikanischen Großstadt wohl glatt überreden lassen, den Pfad zu unseren heiß ersehnten Nationalparks zu verlassen und stattdessen eine Städte-Tour zu machen. Am nächsten Morgen ziehen wir jedoch erstmal weiter Richtung Westen. Langfristiges Ziel: Yellowstone Park. Ich verbringe noch geraume Zeit in der Hostel-eigenen Library, um meine Reiselektüre zu erneuern.

In vielen amerikanischen Youth Hostels gibt es nämlich eine geniale Tradition: take a book and leave a book – womöglich der Ursprung des heute ach so beliebten Book-Crossing. Weil ein Backpacker ja lange Reisezeiten hat, braucht er unweigerlich etwas zum Lesen unterwegs. Und da ausgelesene Bücher unnötiger Ballast sind, man für jene aber auch wiederum Ersatz braucht – die Reise geht ja weiter – liegt nichts näher, als das Buch an einem für andere Leseratten zugänglichen Ort zurückzulassen. Aus solchen verlassenen Büchern sind zum Teil ganze Regale in den Hostels herangewachsen, an denen man sich nun einfach bedienen kann und im besten Falle mitgenommene Bücher durch eigene ersetzt.


August 20th
Yellowstone Park – on the tracks of Yogi Bear and “There’s no time for jokes, such as speed limits.”

Nach vielen hundert Kilometern und zahlreichen Zwischenstopps in den verlassensten Gegenden des mittleren Westens, können wir endlich unser Zelt auf dem „Yellowstone Grizzly Campground” aufschlagen. Wir haben enormen Schlafentzug, ernähren uns nur von Plätzchen und die Zähne konnten wir in den vergangenen Tagen nur in public toilets putzen. Das ist auch das einzige, was an Körperhygiene drin war. 

Der berühmte Nationalpark liegt nur zwei Meilen westlich von uns und wir haben uns für den nächsten Tag ein Auto gemietet, um uns auch ja jeden Grashalm dort anschauen zu können. Tee und Kaffee gibt es hier im Aufenthaltsraum kostenlos und Joey hat ein Wahnsinnsmenü gekocht: Tütennudelsuppe. Delicious! I love him! Wir hauen rein wie die Scheunendrescher. Es ist so toll endlich etwas Warmes zwischen die Kiefer zu bekommen und die Aussicht darauf, sich mal wieder lang machen zu können beim Schlafen hat auch was. Die Stimmung ist im absoluten Hoch und wir überwerfen uns mit Komplimenten, was für tolle Travelpartner wir doch sind. All das kann noch geradeso getoppt werden von den Broschüren mit Bildern vom Yellowstone Park und der daraus resultierenden  freudigen Erwartung.



 

Nach einer - trotz allen mitgebrachten Pullovern, Decken und Schlafsack - eiskalten Nacht bin ich schon um sieben Uhr auf den Beinen und dope mich mit Kopfschmerz- und Erkältungspillen, um fit genug für den vor uns liegenden Tag zu werden. Der Yellowstone Park ist fast 3500 Quadratmeilen groß, das ist dreimal die Fläche von Luxemburg.  Es gibt mindestens 18 Wildtierarten und ebenso viele Thermalformationen und Canyons zu entdecken.

Zunächst halten wir überall, wo es ein klein wenig dampft, an und sind vor lauter Begeisterung einen Geysir gesehen zu haben ganz aus dem Häuschen, nicht wissend, welche Naturschauspiele hier noch auf uns warten. So kommt es, dass wir erst gegen Mittag den größten und berühmten Geysir „Old Faithful“ erreichen. Der lässt uns noch eine ganze Weile auf seine atemberaubende Eruption warten, denn er spuckt nur alle 60 – 90 Minuten. Dann aber gewaltig – bis zu 40 Meter hoch. Während einer Eruption, die ca. 10 Minuten dauert schießen ungefähr 20.000 – 30.000 Liter beinahe kochend heißes Wasser empor. Ich bin so begeistert, dass ich stark an mich halten muss, um nicht dem Konsumtaumel nach der Eruption zu verfallen und im gleich nebenan gelegenen Tourist Center „Old Faithful“-Tassen und Bügelbilder zu hamstern. Glücklicherweise haben wir weder Kapazitäten in unserem Gepäck noch im Zeitbudget übrig. Viele andere geothermische Features, Kalkterassen, Canyons und Lavagesteinsformationen wollen besichtigt werden. Eine beispielhafte Touristenattraktion ist der „Grand Canyon of Yellowstone“, welcher dem ältesten Nationalpark der Welt übrigens seinen Namen gab, wegen der gelben Felsen.

Je später es wird, desto schneller verrinnt die Zeit, glaubt man. Joey und ich haben diesen mächtigen Park unterschätzt und geraten im Laufe des Nachmittages in touristische Panik, vor Einbruch der Dunkelheit nicht alles gesehen und fotografiert zu haben. Wie die Irren reisen wir Bisons und Buffallos hinterher, stürzen uns von einem Canyon zum anderen und müssen letztendlich immer wieder Abstriche machen. An einem Tag kann man den Yellowstone Park unmöglich in seiner gesamten Vielfalt entdecken. Als wir das Park Gelände verlassen, ist die Sonne längst untergegangen und ich bin wehmütig. Wie gern würde ich noch einmal zurückfahren in diesen beeindruckenden Park, von dem ich schon als kleines Kind geträumt habe.

Zurück auf dem Campground verbringen Joe und ich den Abend im Waschsalon. Er wäscht und ich verarbeite den Tag, in dem ich schreibe, Bildchen ausschneide und einklebe und nach Hause telefoniere. Der Waschsalon ist der einzige Indoor-Bereich des Campingplatzes, der nachts geöffnet ist. Raus möchten wir beide nicht so gerne, denn die Temperatur liegt ungefähr um den Gefrierpunkt. Ich halte es noch bis 2 a.m. am nächsten Morgen aus, dann übermannt mich die Müdigkeit und ich gehe auch ins Zelt. Lange kann ich nicht schlafen bei der Kälte hier in den Bergen. Früh am Morgen, als ich eine letzte heiße Dusche genießen will, bevor die Reise weitergeht, entdecke ich, dass mein Shampoo gefroren ist. Mit der gefühlten Temperatur hatte ich also ungefähr richtig gelegen.



 


August 23rd
Grand Canyon and back - 3 days in hell

Joey hat unsere Reiseroute mal wieder umgestrickt. Wir sind nun auf dem Weg nach Riverside, einem kleinen Kaff nahe L.A. Ein Freund von ihm aus Tschechien wohnt seit wenigen Tagen dort und hat gerade ein Austauschjahr angetreten, also wollen wir ihn jetzt besuchen. Er hat nur wenige Tage frei, weshalb wir auf direktem Wege dorthin fahren müssen und weder Salt Lake City noch Las Vegas anschauen können. Das gute am neuen Plan ist allerdings: Joey’s Freund hat ein Auto und wir werden mit ihm bequem zum Grand Canyon und vielleicht auch anderen nahe gelegenen Ausflugszielen cruisen können. Ich ahne irgendwie, dass ein paar harte Tage auf mich zukommen werden.

Michal und ich haben von Anfang an nicht den besten Vibe, aber ich versuche nett zu sein. Sein Haus ist der reinste Dreckstall und dieses Urteil will was heißen, schließlich bin ich inzwischen einiges gewöhnt. Die beiden Jungs sprechen fortan nur noch Tschechisch und ich fühle mich total isoliert. Irgendwann beschließe ich, nicht mehr nur nett zu sein und immer gleich prompt damit rauszurücken, wenn mir etwas nicht passt. Das habe ich ja immerhin im Camp gelernt. Ich ermahne die Jungs von da ab also hin und wieder, eine Sprache zu sprechen, die alle Anwesenden verstehen. Sie gehorchen und wir planen einen Trip zum wohl berühmtesten Nationalpark der USA.

Michal scheint die Reiseorganisation gut im Griff zu haben. Zumindest nimmt er alles gleich in seine Hand. Er überprüft das Auto, checkt die Route und packt unzählige Gallonen voll Wasser in die Tiefkühltruhe, was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstehe. Als wir die ersten zwei Stunden durch die Wüste donnern und die Klimaanlage seines alten Schlittens wie scheinbar erwartet den Geist aufgibt, halte ich ihn für genial. Wir werden voraussichtlich die ganze Zeit mit kühlem Wasser versorgt sein. Fast 11 Stunden später bin ich dem Wahnsinn nahe. Glühende Hitze und tschechische Volksmusik haben meine Toleranzschwelle minimiert. Da fahren wir in den Park ein und schon bald stehe ich auf einem Felsvorsprung wie damals schon Thomas Gottschalk in der Werbung für „Colorado“ und genieße einen beinahe irrealen Ausblick. Ganz schnell wird mir dann auch schwindelig und ich setze mich schnell auf den Boden, denn die Hitze und die Höhe geben mir ein Gefühl der Schwebe.



 

Während der ersten Tour am Touristen-Trail entlang verliere ich die beiden Jungs und vermisse zum ersten Mal in Amerika mein Handy. Nach ewigem Hin- und Herlaufen finden wir uns schließlich alle wieder und klappern mit dem Auto noch einen Aussichtspunkt  nach dem anderen ab. Michal macht das zu einer Art Sport. Bei aller Begeisterung für den Grand Canyon kann ich mir gar nicht vorstellen, was man mit so vielen Fotos von Schluchten und Felsen macht.

Nachdem sich schließlich mal wieder jemand dazu durchringt, mit mir Englisch zu reden, erfahre ich, dass die beiden tatsächlich eine Hiking-Tour nach unten ins Tal planen. Es gibt im Canyon verschiedene Trails, die man hinabsteigen kann. Zwischendrin gibt es einen Zeltplatz und ganz unten sogar ein Bungalow-Dorf, die „Phantom Ranch“. Eigentlich bin ich kein Hiking Fan, weshalb ich mich mit aller Kraft dagegen sträube. Doch es hilft nichts. Ich kann die beiden nicht von ihrem Plan abbringen. Ich gehe also erstmal auf einen psychologisch wertvollen Shopping Trip in den Canyon Store, in der Hoffnung, dass ich Motivation erlange, wenn ich nur lange genug in der Umgebung von Canyon Souvenirs bin. Der Plan geht auf. Ich kaufe mir schließlich eine Kette mit einem Hiking Boot als Anhänger mit der Unterschrift: „Hiking the Canyon“. Derer wäre ich wohl kaum würdig, wenn ich nicht wirklich den Canyon durchwandert hätte. Also bleibt jetzt keine Wahl mehr. Mit neuer Kraft trete ich erhobenen Hauptes vor meine Jungs und erkläre offiziell, dass ich mich entschieden habe, die Tour bereitwillig mit zu laufen.



 

Im Folgenden müssen wir eine Genehmigung bei den Rangers unterschreiben – denn jeder begibt sich auf eigene Gefahr ins Tal – und uns einer Belehrung unterziehen. Die „Backcountry-Permission“ signiere ich und bin somit quasi der Tourleader. Unsere Tourvorbereitungen sind an Professionalität kaum zu übertreffen. Wir entledigen unsere Rucksäcke allen unnötigen Ballasts, versorgen uns dafür mit reichlich Mineralgetränken und salzhaltigen Knabbereien, um gefährlicher Dehydrierung und Demineralisierung vorzubeugen. Unsere T-Shirts schwenken wir in eiskaltem Wasser und ziehen sie uns wieder über, das schützt vor Hitzeschlag. Ich studiere emsig die Route und Ratschläge, die wir von den Rangers bekommen haben. An verschiedenen Stellen im Park stehen Schilder, die vor der Wanderung warnen. Über den Bright Angel Trail sind es bis zum Grund ungefähr 12 Meilen (20 km) und dabei 1400 Höhenmeter, die zurückgelegt werden müssen. Man durchläuft 5 Klimazonen und Wasserstellen gibt es nur vereinzelt. Von fast 5 Millionen Besuchern jährlich wagen sich gerade mal 1% auf diese Wanderung!

Mein Ehrgeiz ist nun endgültig geweckt und mit straffem Schritt ziehen wir los. Heutiges Ziel ist der Indian Garden Campground - 7 Meilen entfernt, die wir noch in den kommenden 4 Stunden vor Einbruch der Dunkelheit zurücklegen müssen. Der Abstieg vom South Rim ist von Anfang an totaler Fun und ich hätte mir niemals erträumt, dass Wandern so toll sein kann. Bei Joey kommt mal wieder extrem der Gentleman durch und er fragt mich alle fünf Minuten, ob mein Kreislauf noch in Ordnung ist, trägt mir meine Wasserflasche hinterher, fängt mich bei extrem steilen Stellen auf und ermahnt mich ständig, mal wieder einen „salty snack“ zu essen. Jaja. Auch sonst habe ich die Jungs voll im Griff, sie hören jetzt auf mein Kommando. Dank meiner Antreiberei erreichen wir den Campground gerade noch mit Einbruch der Dunkelheit. Die Ausstattung ist logischerweise sehr spärlich. Auf das Plumpsklo geht man wirklich erst, wenn der Drang nicht mehr auszuhalten ist und Zähneputzen fällt für mich heut auch flach, da sich im Schutz der Dunkelheit die Mäuse um den einzigen Trinkwasserbrunnen scharen.

Als ich am nächsten Morgen in der Dämmerung aufwache, bin ich stocksteif und kann mich überhaupt nicht mehr bewegen. Nicht so, wie es beim Camping üblich ist. Jede kleinste Bewegung kostet mich unheimliche Mühe und ich bin total beunruhigt. Es vergeht eine Weile bevor ich herausfinde, dass dieser mysteriöse Schmerz ein Muskelkater ist. Dieser erstreckt sich von den Fußsohlen über Waden und Po bis über den ganzen Rücken. Ich bin überzeugt, dass man so eine Art Muskelkater, von der Ausbreitung und der Intensität des Schmerzes, nur nach einem Abstieg in den Grand Canyon bekommen kann. Er ist nicht vergleichbar mit anderen Muskelstrapazen, die ich jemals zuvor erlebt habe.

Joey ist um vier Uhr morgens auch bereits wach und hält Ausschau nach Tieren. Wir wollen zum eine Meile entfernten Plateau Point laufen, um von dort aus den Sonnenaufgang zu betrachten. Einmal unterwegs bereitet mir das Laufen nicht mehr so viel Mühe, die Muskeln werden warm und wieder gut mit Sauerstoff versorgt. Diese Wanderung im Morgengrauen gibt mir ein Gefühl von Ursprünglichkeit. Der Mond scheint noch hell und die Wände des Canyons um uns herum werfen kolossale Schatten.

Plötzlich stehen wir einer Gruppe von Rehen gegenüber, die uns verdutzt anstarren und wie angewurzelt stehen bleiben. Wir tun genau das gleiche. Fast eine Minute lang steht die Situation still, keiner wagt sich zu bewegen. Ich genieße es, denn ich habe noch nie so nah vor einem wildlebenden Tier gestanden. Joey ist es schließlich der durch die Gruppe bricht, die im Handumdrehen davon springt. Die bewegenden Impressionen hier nehmen kein Ende. Wir sprechen kaum, sondern genießen die wundervollen Aussichten. Pünktlich um halb sechs sind wir am Plateau Point und sehen die Sonne live hinter der Canyonwand aufsteigen. Dazu verzehren wir Sonnenblumenkerne, typisches Frühstück für smarte Hiker.

Ich fühle mich irgendwie tief verbunden mit der mächtigen Natur und habe eine Gänsehaut. Der Blick hinunter zum Colorado River weckt erneut meine Abenteuerlust und ich weiß auf einmal: wir werden heute nicht wieder aufsteigen. Wir werden weiter hinunter gehen bis zum Fluss und zur Phantom Ranch. Ich, die seit drei Tagen keine Dusche mehr gesehen hat, kann somit zumindest mal in den Colorado River springen. Auf der Phantom Ranch sind es am Nachmittag an die 120° Fahrenheit (ca. 50° C), in der Nacht halten sich hier in dem Kessel immer noch 100° F. Heißer ist es höchstens noch im Death Valley. Die Hitze ist sehr trocken und lässt sich mit einem nassen T-Shirt und einem nassen Tuch um den Kopf ganz gut ertragen.

Der Grand Canyon ist nicht nur von der Temperatur, sondern auch von der körperlichen Belastung, sämtlichen Sinneseindrücken und Erlebnissen das extremste Abenteuer, auf das ich mich je eingelassen habe. Den Aufstieg am kommenden Tag meistern wir problemlos bevor wir gegen Mittag den Park verlassen und uns auf den Rückweg machen.

Alles wäre super, wenn nicht 400 km vor Riverside unser Auto den Geist aufgeben würde. Als ich irgendwann auf der Rückbank erwache, ist Michal verschwunden und Joey erklärt mir, dass der Motor nicht mehr mitmacht. Wir stellen uns auf endloses Warten mitten in der Wüste ein. Vor lauter Rückenschmerzen komme ich auf die wahnsinnige Idee, meine Isomatte neben dem Auto inmitten von Kakteen auszubreiten. Endlich mal wieder ausgestreckt schlafe ich ruck-zuck wieder ein und als ich das nächste Mal wach werde, stehen zwei Polizisten vor mir und bitten mich energisch aufzustehen. Als meine schläfrige Verdutztheit weicht, verstehe ich, dass ich mich hier quasi den Klapperschlangen und Skorpionen zum Fraß ausgebreitet habe. Nach dem ersten Schock breche ich in schallendes Gelächter aus und verspreche, dass ich das ab jetzt unterlassen werde. Wir erklären kurz, dass ansonsten so gut wie alles in Ordnung ist und unser Freund gerade Hilfe holt. Da ziehen die Officers wieder von dannen.

Es wird eine lange Nacht und Joey eröffnet mir, dass er in den kommenden Wochen noch bei Michal bleiben will, was bedeutet, dass ich den ganzen Weg zurück zu Ostküste allein antreten muss. Es gibt für dieses Geständnis wohl keinen besseren Zeitpunkt, denn ich bin so abgekämpft, dass mir die Energie zum ausrasten, schlimme Vorwürfe machen und wüste Prophezeiungen aussprechen völlig abhanden gekommen ist. Für den Rest des Weges sprechen wir kein Wort mehr miteinander.

Zurück in Riverside muss der arme Michal sofort nach einer kurzen Dusche seinen Job antreten, da wir mit starker Verspätung zurückgekommen sind. Joe und ich desinfizieren uns sehr lange und essen viel, schlafen und reden. Ich akzeptiere seinen Entschluss hier zu bleiben. Es bleibt ja auch nichts anderes übrig. Wir beschließen eine letzte gemeinsame Tour nach San Francisco zu machen. Und uns danach zu trennen…


August 31st
San Francisco and heading for different paths

Ich bin sehr aufgeregt nun endlich nach „San Fran“ zu kommen. Leider läuft die Zeit gegen mich, denn ich muss bald wieder in New York sein, um meinen Rückflug anzutreten. Joey und ich finden ein supergünstiges Hostel, wo wir zur Abwechslung mal gemeinsam ein Zimmer beziehen dürfen. Meistens sind die Zimmer nämlich nach Geschlechtern getrennt. Typisch Amis.
Diese tolle Stadt ist auf keinen Fall an zwei Tagen zu besichtigen. Zu allererst wandern wir zum Golden Gate Park – laufen sind wir ja jetzt gewöhnt. Dahinter liegt der Ozean. Wir werfen unsere Schuhe davon, rennen in das flache Wasser, schreien und freuen uns. „We’ve finally made it to the West Coast!“



 

Wir besichtigen danach die Golden Gate Bridge, die leider wegen starkem Nebel kaum zu sehen ist, machen Cable Car Hopping, wandern die kurvige Lombard Street hinauf und wieder hinunter und gehen heiße Schokolade trinken. Wenn man gerade aus dem Grand Canyon kommt ist es hier unerträglich kalt, nur 75° F (um die 20° C). Ich bin sehr sehr enttäuscht, über das trostlose Wetter und vor allen Dingen, dass man von der Golden Gate Bridge wirklich gar nichts sehen kann. Wenigstens habe ich gelernt, das sie mit einer Höhendifferenz von über vier Metern schwingen kann und in der Horizontalen sogar mit über acht Metern. Die Kabel, die die Brücke halten sind fast einen Meter dick. Unvorstellbar.

Auf jeden Fall versuche ich, mir nicht die Laune verderben zu lassen. Wir lassen den Abend ruhig ausklingen und wollen am nächsten Vormittag weiterreisen. Unser Zimmer im Hostel hat nur ein kleines Fenster, aus dem man direkt auf die Wand des Nachbargebäudes blickt. Ich muss also am nächsten Morgen erst auf das Dach flitzen, um noch mal ein Foto schießen zu können. Dort oben bemerke ich das Unmögliche!  Entgegen der Vorhersage des alten Mannes im Souvenir Shop, der bereits seit 40 Jahren Souvenirs an der Golden Gate Bridge verkauft und weiß, wann Nebel ist und wann nicht, strahlt heute die Sonne vom blitzblauen Himmel. Kein Wölkchen ist in Sicht.

Ich rase zurück ins Zimmer, wecke Sleepyhead Joey, konsultiere mein Bus Schedule und rechne. Geht mein Zeitplan noch auf, wenn ich einen Tag länger hier bleibe? Er muss! Leider ist gerade Labour Day Weekend und die Straßen sind so voll, dass wir mit dem Bus geschlagene zwei Stunden zur Brücke brauchen. Dafür ist es nun das malerischste Panorama überhaupt. Das orangerote Wahrzeichen von San Fran ist schon aus enormer Entfernung sichtbar, ebenso wie die gesamte Bucht, Alcatraz und die Stadt im Hintergrund.

Nachdem wir die Brücke überquert und  die Ausblicke genossen haben, verbringen wir die wenigen Stunden, die uns bleiben, am Strand. Die Tage der gemeinsamen Reise mit Joey, der mir in den vergangenen drei Monaten vermutlich zu einem der engsten Freunde überhaupt geworden ist, sind gezählt. Das Ende könnte jedoch nicht passender sein als hier am Strand. An der West Coast. Hierher zu kommen war unser gemeinsames Ziel. Die Höhen und Tiefen die wir auf dem Weg hierher durchgemacht haben, was wir gesehen und erlebt haben, wird uns beiden für immer bleiben und uns verbinden.



 

Meine nächste Etappe soll nach Albuquerque/ New Mexico gehen. Dort werde ich Emily, meine Co-Counselorin aus Camp WAZI bei ihrer Familie besuchen. Joey fährt zurück nach Riverside. Eine letzte Busreise treten wir noch an: San Francisco – Los Angeles. Dort trennen wir uns ohne viele Worte. Wir sind beide furchtbar traurig und Joey hat ein schlechtes Gewissen, dass er mich alleine quer durch die ganzen Staaten fahren lässt. Ich habe mich inzwischen ganz gut mit dem Gedanken arrangiert und schubse ihn mit einem energischen „Just go!“ durch die Tür. Als er weg ist muss ich noch drei Stunden auf meinen Bus nach New Mexico warten.


September 2nd
Rejoining Emily and ending up in Big Apple after all

Es ist Dienstagmorgen kurz nach 4 Uhr als ich in Albuquerque ankomme. Etwa eine halbe Stunde vor der Ankunft wache ich auf und schaue aus dem Fenster in die Dunkelheit. Ein atemberaubendes Gewitter in den weit entfernten Bergen bereitet mir einen gebührenden Empfang. Ich kann so viele Blitze beobachten wie noch nie. Hier toben fast jeden Tag Gewitter, weiß ich bereits von Emmy. Ich mag Gewitter. Tagsüber gibt es aber jeden Tag Sonnenschein und trockene Wärme. Arides Klima. Sehr angenehm. Unglücklicherweise erwische ich scheinbar einen der drei Regentage, die es pro Jahr in Albuquerque gibt.

Emily und ihr Dad holen mich von der Busstation ab und die Wiedersehensfreude ist riesig. Ich entschuldige mich tausendmal für diese wirklich unangenehme Zeit. Ich hätte auch drei Stunden gewartet, das kratzt mich als routinierten Backpacker nun gar nicht mehr. Doch das kam für die Sacks nicht in Frage. Als wir im Haus ankommen ist auch Emmys Mom schon auf den Beinen und hat ein umfangreiches Frühstück vorbereitet – einschließlich selbstgebackenen Brots und Obstsalat. Ich bin überwältigt von der Gastfreundschaft. Sie bieten mir an so lange zu bleiben, wie ich möchte, Badewanne, Internet oder Telefon zu benutzen – no problem.

Ihr Haus ist sehr ordentlich und aufgeräumt, genauso wie man es laut Klischee von Deutschen und eben nicht von Amerikanern erwarten würde. Ich bekomme mein eigenes Zimmer mit einem riesengroßen Bett und doch bleibt keine Zeit, sich auszuruhen, denn Emily und ich haben nur ca. 24 Stunden, die wir zusammen verbringen können. Es gibt wahnsinnig viel zu erzählen, vom Camp und von der Zeit danach. Emily ist beeindruckt, was ich auf dem Weg bis hierher schon alles gesehen habe. Nicht viele Amerikaner haben all diese Orte jemals besucht.

Weil Emmy nicht ihren gesamten Tagesablauf über den Haufen werfen kann, begleite ich sie dann erst einmal an die Uni und setze mich mit in ihren Mathekurs. Danach besichtigen wir den Campus und die Stadt. Albuquerque hat eine weit reichende Geschichte. Lange bevor europäische Siedler dieses Gebiet erreichten, wurde es von verschiedenen Indianerstämmen bewohnt. Die historischen Gebäude in der Old Town sind alle im Pueblo Stil und man kommt sich vor wie in einem völlig anderen Land. Lange war die Stadt unter spanischer und später unter mexikanischer Herrschaft, bevor der Bundesstaat New Mexico in die Vereinigten Staaten aufgenommen wurde.

Am Nachmittag schleppt mich Emily mit in die Berge und wir bewandern den Sandia Peak National Forrest, von wo aus wir einen grandiosen Ausblick über die Stadt haben. Dort oben werden wir von einem Gewitter überrascht – das zweite an diesem Tag – und suchen Obdach in einer Hütte, bevor wir die Abfahrt antreten.

Am Abend werde ich erneut mit deliziösem Essen verwöhnt. Wir sitzen alle bis in die Nacht zusammen und reden ausführlich über Deutschland und die USA. Die Sacks haben bereits in Deutschland Urlaub gemacht und erzählen mir von Orten, die ich nicht so genau kenne und ich erzähle ihnen von Orten in ihrem Land, die sie nicht so genau kennen. Ich genieße diesen Abend in vollen Zügen. Am Morgen finde ich einen langen Abschiedsbrief von Connie und Roger und selbstverständlich ein dickes Lunchpackage mit dem Hinweis, dass dies für unterwegs sei und bevor ich gehe, solle ich mich noch mal am Kühlschrank bedienen. Gegen Mittag lädt mich Emily an der Busstation ab. Mal wieder ein sehr trauriger Abschied und vor mir liegt nun eine über drei Tage lange Reise nach New York City.

So schlimm wie erwartet ist das alles aber gar nicht, denn der Bus ist inzwischen wahrlich mein zweites zu Hause geworden. Die Sitznachbarn wechseln, manchmal führt man nette Gespräche, manchmal auch nicht und am liebsten ist es mir, wenn der Platz neben mir leer bleibt und ich mich ein wenig ausbreiten kann.

Als ich am 6. September nachmittags an der riesigen Central Bus Station in der 42nd Street endgültig aus dem Bus geworfen werde, fühle ich mich wie ein Neugeborenes, das die Vorgänge im Umfeld nur unscharf und ohne jegliches Verständnis wahrnehmen kann. Die Station ist doppelt so groß wie der Leipziger Flughafen. Menschenmassen hasten an mir vorbei und offensichtlich weiß jeder genau, wo er hin will. Außer mir.

Beim planlosen Umherlaufen auf der Suche nach dem Ausgang entdecke ich ein großes Plakat – Werbung für ein Youth Hostel. Das klingt gut. Ich besorge mir als einen Stadtplan und trete einen Gewaltmarsch von zwanzig Blocks zum „Chelsea“ an. Nach ca. 80 Straßenüberquerungen besitze ich bereits halbwegs die Frivolität der anderen Passanten und lasse mich nicht mehr so leicht von einem „DON’T WALK“ oder einem hupend heranrasenden Taxi abschrecken. Angekommen im Chelsea ist mir alles ziemlich egal. Ich nehme nicht wahr wie schäbig und klein mein 6-Mann-Zimmer ist oder wie schmutzig die Dusche. Ich wünsche mir nur, dass die verbleibenden Tage schnell umgehen und ich bald heim fliegen kann.

Übrigens scheint Manhattan das große Auffangbecken aller Summer Work-and-Traveler am Ende der Season zu sein. Die Menschen, die ich hier treffe, haben scheinbar fast alle in einem Camp, Freizeit- oder Nationalpark gearbeitet. Das ist irgendwie ziemlich lustig, denn so kann man schon mal anfangen, alle Erfahrungen des Sommers anfänglich aufzuarbeiten. So kommt es, dass ich viele neue Geschichten höre über jüdische und katholische Camps, Fußball Camps, Pfadfinderinnen-Lager, Wasserparks usw.  Manche wollen noch für mehrere Monate hier in New York bleiben. Andere werden bald weiter ziehen nach Boston oder Miami. Wieder andere treten, wie ich, in wenigen Tagen die Heimreise an.

Obwohl ich nur noch drei Tage hier bin, mache ich mich entgegen aller Empfehlungen noch einmal auf die Suche nach einem neuen Hostel. Trotz der Warnungen, dass Manhattan „overbooked“ sei und man froh sein sollte, überhaupt ein halbwegs günstiges Bett zu haben, macht sich für mich wieder die Lehre bezahlt: Wer lange genug und geduldig sucht, wird auch finden. Ich finde das absolut Ultimative: Das „Central Park Hostel“ – genau neben dem riesigen weltberühmten Park gelegen und absolut zentral. Die Zimmer sind größer als im „Chelsea“ und im Keller gibt es eine moderne, saubere Küche mit riesengroßer Chill-out Lounge.

Mit meiner Zimmernachbarin Kirsten aus Dänemark verstehe ich mich sofort prächtig und ist man erstmal zu zweit, so dauert es nicht lange, bis man in eine große Gruppe integriert ist. So brechen wir in den nächsten Tagen zum Sightseeing und am Abend zu Club Touren auf. Ich sehe alle obligatorischen Touristenattraktionen, wie das Empire State Building, Ellis Island, den Times Square, das Rockefeller Center. Wir schlendern durch den Central- und den Battery Park, stehen bedächtig am Ground Zero und kaufen Souvenirs in China Town. Ich bin sehr froh, dass ich mit mehreren unterwegs bin. Dennoch traue ich mich nicht abzulehnen, wenn ich nach einer Zigarette gefragt werde.

Erneut erlebe ich das „Backpacker-Phänomen“ mit Kirsten: wir erzählen uns in drei Tagen unser ganzes Leben mit allen Details, die man sonst eher aussparen würde, wenn man sich erst zwei Tage kennt. Man wächst in kürzester Zeit erstaunlich intensiv zusammen und hat das Gefühl, diesem Menschen das ganze Leben lang verbunden zu bleiben, irgendwie. Weil man Erlebnisse teilt, die man immer wieder tief berührt weitergeben wird und die kaum in Vergessenheit geraten.



 

Ich lerne Manhattan von der aufregenden und spaßigen Seite kennen. Das Chaos hier stresst mich nur positiv, nach den wenigen Tagen lebe ich voll mit dem Puls der Stadt. Ich habe vorher nicht geglaubt, dass mir das hier so viel Spaß machen wird. Am 10. September ist erneut Abschied nehmen angesagt. Daran gewöhnt man sich nicht wirklich.

Ich steige in die Linie A und fahre nach Queens, um Kathleen wieder zu treffen. Kathleen war meine Camperin und Reitschülerin diesen Sommer und ihre wunderbare Familie hat sich bereit erklärt, mein überflüssiges Gepäck bis zum Ende des Sommers zu verstauen und mich zum Flughafen zu bringen, wenn mein Rückflugtag gekommen ist. Einmal raus aus Manhattan fühlt man sich gleich viel ruhiger. In Queens herrscht eher Vorstadtatmosphäre. Das Haus der Scarpas zu finden ist nicht schwer und diesmal habe ich es tatsächlich mit einem so genannten „typisch amerikanischen“ Haushalt zu tun. Scarpas versorgen mich ausgiebig mit Pizza, Brownies und Icecream und fahren mich am Abend zum von mir gefürchteten JFK Flughafen, auf dem ich mich wider Erwarten dann doch nicht verlaufe und ohne Zwischenfälle die Heimreise antrete.



 

Die Dunkelheit dauert in dieser Nacht nur drei Stunden, denn ich fliege nach Osten, dem Sonnenaufgang direkt entgegen. Die Situation ist völlig unreal, ich befinde mich in einem „dazwischen“. Ich will eigentlich noch nicht weg, die Zeit war viel zu kurz. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was mich in der Heimat erwartet. Die Sprache hier wird mir fehlen, denn sie ist so einfach und doch so vielfältig. Die Amerikaner, die ich kennen gelernt habe, waren jeder einzelne bewundernswerte Menschen, die ich für ewig mit in meinem Herzen tragen werde. Die anderen Weltenbummler, die ich getroffen habe, waren wie eine kleine Gemeinde, verbunden durch ihre Gesinnung, ihren Horizont zu erweitern, ein anderes Land zu entdecken und Leute verschiedenster Herkunft kennen zu lernen. Einige von ihnen werden mich mit ihren Briefen, E-Mails und Karten noch lange in meinem Leben begleiten und oft werde ich mir die Frage stellen, was der eine oder andere von ihnen jetzt gerade macht.

 

Julia Stander

 

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