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Als Camp Counselor in den USA

Ein Erfahrungsbericht


Julia Stander berichtet von ihrem Aufenthalt in den USA. Sie war Camp Counselor in Maine...

 

10 weeks at camp „WAZI“ – from the diary of a German camper and counselor


June 8th, 2002
Auf ins Abenteuer Amerika - "Is anybody talking English here?"

Es ist kurz nach 16 Uhr, Eastern Time, als ich auf der Interstate 95 die Grenze zum „Vacationland“ (offizieller Spitzname des Bundesstaates Maine neben „Pine-Tree-State“ oder „Home of the lobster“) überfahre. Hier wird für die kommenden Wochen meine Heimat sein. Größe des Staates, Klima und Flora sind Deutschland sehr ähnlich und somit vertraut. In mitteleuropäischer Zeitrechnung ist es jetzt schon 22 Uhr und ich spüre die ersten Ermüdungserscheinungen. Im Flugzeug habe ich den ersten Amerikaner kennen gelernt und mich beim Smalltalk enorm angestrengt. Dasselbe Desaster beim Versuch, den Flugzeug-Film auf Englisch zu schauen – viel zu anstrengend. Dennoch: mit der Überquerung des Atlantiks sind scheinbar alle Leute viel netter geworden und am Flughafen in Boston bietet man mir schon dreimal Hilfe an, bevor überhaupt nur mein Koffer umgefallen ist.

Ich bemühe mich also nicht mehr so dumm aus der Wäsche zu gucken und beginne meine Mission: zuerst den Bus nach Portland finden – dann ein blondes Mädchen namens Cindy from Canada suchen und gemeinsam den Shuttle weit in die Tiefen der neuenglischen Wälder ins Camp „Waziyatah“ nehmen, jede Menge neue Leute kennen lernen, Kinder unterrichten, viel Spaß haben und die Persönlichkeit entwickeln. Das ist der Plan.

Über die Austauschorganisation AIFS habe ich ein Summer-Work-and-Travel Programm geplant und bin an „Camp WAZI“ vermittelt worden. Der Deal ist: mindestens 9 Wochen als Camp Counselor arbeiten, dafür ein Taschengeld bekommen und danach noch Aufenthaltsrecht in den Vereinigten Staaten bis zu 4 Monaten. Vor dem Start muss man Erfahrung und Affinität zu Kindern nachweisen können, sowie besondere Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet, das man dann unterrichten kann. Da ich schon fast mein ganzes Leben mehr oder weniger auf dem Rücken der Pferde verbringe, lag es für mich ziemlich nah, dass ich „Riding Instructor“ sein möchte. In fast allen Camps gibt es Pferde und Reiten wird als Aktivität angeboten – nebenbei bemerkt ist dies jedoch wohl auch der härteste Job für einen Counselor. Aber dazu später mehr…

 

June 11th
Die ersten Tage im Camp  -  „Meet the department staff“

Ich bin ziemlich froh, dass ich von Anfang an dabei sein darf. Im Moment ist es ruhig im Camp, nur ungefähr ein Viertel der Staff sind bereits da. Die meisten kommen aus den Staaten, hauptsächlich von der Ostküste. Mit Olya aus Russia bin ich soweit die einzige europäische Councelorin. Ausländer gibt es überwiegend in der Support Staff, das sind die Leute, die sich „hinter den Kulissen“ um alles Mögliche im Camp kümmern, z.B. dass der Rasen gemäht ist, oder dass wir morgens Pancakes kriegen und abends nach einem anstrengenden Tag der Grill brennt.




That's what our cabins look like

Die wichtigsten beiden Menschen für mich sind nun zunächst Holly und Mary, meine Department Kollegen sozusagen. Holly gehört zur Eigentümerfamilie des Camps und wohnt dort das ganze Jahr über. Ihr gehören die Pferde und die gesamte riesengroße Reitanlage. Sie wird in den nächsten Wochen zu meiner „Ersatz-Mutti“ werden. Holly ist organisiert, streng und will, dass alles seinen geordneten Gang geht. Läuft alles nach Plan, dann ist sie auch unglaublich herzlich, loyal und ihre Fröhlichkeit breitet sich übers gesamte Camp aus.

Mary ist ebenfalls Counselor und kommt aus Illinois. Zuerst denke ich, sie mag mich nicht, denn anders als der Durchschnittsamerikaner verteilt sie nicht dauernd Küsschen und schreit „I love you!“ Sie lacht selten und wenn sie mit mir spricht, beendet sie ihre Sätze mit „You know what I’m talking ´bout?“ Hält die mich für total bescheuert? Mary soll später jedoch noch zu einem der engsten Freunde werden, die ich im diesem Sommer finde.

Nach der ersten Woche, nachdem ich den Jetlag überwunden habe, setzt so langsam das erste Burn-out-Syndrom ein. Morgens Müdigkeit, mittags starkes Heimweh und den ganzen Tag schlechtes Wetter. Beim Gedanken in Amerika hatte ich immer Sunshine assoziert und auf 7 Tage ununterbrochen Regen bin ich nicht vorbereitet. Fast alle Socken nass und die Schuhe trocknen auch nicht über Nacht in einer feuchten Holzhütte. Ich laufe am Ende nur noch barfuss durchs Camp, dass ist sinnvoller. Wollte ich diesem Wetter nicht eigentlich entfliehen? Kann es jetzt noch schlimmer kommen?


Wenn man ganz am Ende ist, dann hilft eigentlich nur noch eins: Sarkasmus. Und das ist, wo ich meine gemeinsame Wellenlänge mit Mary entdecke. Mit nassen Füßen stehen wir im Schutz des Stalls, schauen deprimiert raus und lachen uns tot. Schlimmer geht es nun wirklich nicht. Wir fangen an, über andere Counselors zu lästern und schieben Frust über die harte Arbeit im Stall. Dabei haben wir beide ein Aha-Erlebnis. Wir verstehen uns spitzenmäßig – was die harte Arbeit für die kommenden Wochen schon wieder erträglicher erscheinen lässt. Mary findet es „awesome“, wie ich das hier alles meistere. Irgendwann an diesem Tag hört der Regen auf und die Sonne kommt raus.




Stormy Days

June 15th
Riding Practise and Staff Training – „There’s nothing more real you can do!“

Zweite Woche im Camp. Alle Counselors sind angereist, die Mannschaft ist vollzählig. Wir sind ein paar mehr als hundert Mann. In einer Woche werden noch ca. 400 Kinder zwischen 8 und 15 Jahren herkommen, um ihre Sommerferien zu verbringen. Dafür werden wir nun gecoacht. Es gibt einen straffen Stundenplan, wo Besprechungen, Führungen, Rollen- und Kennenlernspiele, Evening activities, Vorstellungsrunden usw. im Programm stehen. Wir müssen uns immer wieder jedem vorstellen und haben Assemblys am morgen, bei denen bereits erfahrene oder besonders mutige Counselor Reden halten oder Lieder singen. Ich finde das klasse, aber ich traue mich das nicht. Dafür bin ich beim Karaoke-Abend mit übersprudelndem Elan dabei. Wir besuchen jedes Department und lernen, die Arbeitsbereiche anderer Counselors kennen – so das Theater, die Waterfront, Tennis-, Basketball-, und Softballareas. Wir sprechen oft über den 11. September und die schrecklichen Ereignisse im letzten Jahr. Glücklicherweise ist keiner der Camper oder Mitarbeiter direkt davon betroffen worden, erzählt Penny, die Campchefin.

Abends verbringen wir Stunden vor dem Kamin, beim Lagerfeuer oder beim Barbecue am See. Was so romatisch klingt, ist die Probe für die nächsten 7 Wochen, die den Ferienkindern Tag für Tag ein voll durchorganisiertes, rundes Ferienprogramm bieten sollen. Zurückziehen darf sich niemand, keine Lust haben ist nicht drin. Wenn es ein Problem gibt, dann soll man sich gefälligst jemandem anvertrauen – eine gesunde Psyche ist hier oberste Priorität. Schließlich kann ein unglücklicher Betreuer keinem Kind Freude machen.

Am Abend in der privaten Kommune der eigenen Hütte gibt es ein besonderes Ritual gegen Einsamkeit und Kummer – genannt „Huddle up“  – eine Art prophylaktisches Selbsthilfegruppenritual vorm Schlafengehen. Der Kern vom „Huddle up“ ist, das jeder der Gruppe von seinem persönlichen low und high des Tages erzählt (der eher metaphorische Typ nennt es auch die „Roses and thorns“). Darüber hinaus kann der Gesprächszirkel wahllos grenzenlos ausgebaut  werden. Manchmal reden wir über boyfriends oder journals oder wie man am besten vorbeugen kann, das Klo schon wieder zu verstopfen.  Andere Male belassen wir es beim Hoch und Tief des Tages.

An einem Tag ist sogar ein echter Psychologe bestellt. Ich habe den Sinn des Coachings langsam kapiert und beteilige mich rege an Diskussionen und stelle Fragen. Der Weg zum perfekten Counselor ist nicht einfach, das wird mir bewusst. Ich arbeite daran. Chris Thurber, der Psychologe, sagt am Ende eines harten Tages: „Remember, when you go back home after this summer you will have changed a child’s life. There’s nothing more real, you can do. So don’t let anybody tell you, you wouldn’t have done a real job here.”

Auch unsere Qualifikationen als Riding instructors müssen ausgebaut werden, so dürfen Mary und ich verschiedene Kollegen zum Reiten einladen und ihnen Unterricht erteilen. In Vorbereitung leiht Holly mir Bücher und Mary zeichnet Skizzen und schreibt vocabulary lists, damit ich auch die richtigen Begriffe parat habe, wenn ich erklären will, wie das Reiten funktioniert. Es fühlt sich komisch an: ich bin der Meinung, es gibt kaum etwas, dass ich besser erklären kann als Reiten. Und plötzlich bin ich hier und mir fehlen die Worte.




The Riding Team

Unser dritter Mann in der Stallcrew ist inzwischen da und diesmal ist es wirklich ein Mann – den können wir gut gebrauchen. Es ist Josef aus Tschechien – ab nun genannt Joey - und sein Englisch ist noch grottiger als meins. Ich bin die einzige, die sein Kauderwelsch versteht. Nun habe ich also eine neue wichtige und finale Aufgabe: ich übersetzte zwischen Joey und den Amerikanern.

Da Joey und ich quasi Landesnachbarn sind, haben wir sofort einen guten Draht zueinander. Er plant nach dem Camp eine Reise durch die Staaten, am besten gen Westen, genau wie ich. Dann können wir uns womöglich zusammentun! Meine Laune ist kaum noch steigerungsfähig. Am letzten Abend vor Eintreffen der Camper regnet es wieder und diesmal lausche ich angeregt dem Plätschern aufs Dach. An das Duschhaus mit den wechselhaften Wassertemperaturen habe ich mich noch immer nicht gewöhnt und auch nicht ganz an den 16-Stunden-Tag mit null privacy oder daran, dass es zum Frühstück keine Roggenbrötchen gibt. Aber so in meinen Schlafsack gekuschelt kommt mir zum ersten Mal der Gedanke: „Ich liebe das Leben hier.“


June 21st
Ab jetzt mit Kindern – “Our cabin is multicultural.”

Heut ist summer solstice – der längste Tag des Jahres. Mein Magen assimiliert sich langsam, der Stoffwechsel stellt sich auf Softfood um und ich gewöhne mir wohl bald das Kauen ab. Der Großteil der Leute hier ist um einiges korpulenter als ich, somit fällt es kaum auf, wenn ich ein paar Pfündchen zulege. 

Alles nicht so wichtig im Vergleich zu der Tatsache, dass heute die Kinder ankommen. Wir Counselors sind nun aufgeteilt – immer 5 in einer Hütte. Dann ist in jeder Hütte noch Platz für ca. 10 Camper. Meine Adresse heißt nun „Hill 2“ – in der „Hill“-Division wohnen die Mädchen zwischen 12 und 14. Unsere Belegschaft ist die einzige, die mit fünf Counselors auf fünf unterschiedlichen Ländern glänzen kann. Wir müssen nun schmücken und ein Eingangsschild basteln, auf das wir die Namen aller Mädchen die bei uns wohnen schreiben, damit diese ihre Hütte auch finden.

In den nächsten Tagen merke ich, dass die bereits straff durchgeplante Einarbeitungszeit noch gar nichts war im Vergleich zum richtigen Camp-Leben. Es ist spannend, die amerikanischen Kinder kennen zu lernen. Dennoch steigen nun die Anforderungen noch mal ins Unermessliche. Die Temperaturen steigen ebenfalls bemerkenswert während dieser Tage. Hatte ich mich jemals über Regen, Pfützen oder kalte Duschen beschwert?



 

Während ich die Cabin-Zeit nun mit 14jährigen Frühpubertierenden verbringen muss, die an mir nicht so doll interessiert sind, weil die Native-Speaker-Counselors einfach mehr fetzen, kommen in den Reitstunden Camper aller Altersklassen zu mir.

Es gibt am Tag sechs „activity periods“, in denen die Kids jeweils einer bestimmten Beschäftigung nachgehen. Das bedeutet sechs mal am Tag kommen im Stundentakt neue Kinder zu mir, ich muss absatteln, tränken, aufsatteln, raufhelfen, erklären, aufpassen, absatteln, tränken…  „You must talk to them the whole lesson“, erklärt Holly, „the kids are not supposed to get bored.” 

Die neuen Umstände bedeuten kaum noch Zeit mit Mary, Holly oder Joey zum Quatschen, kaum noch gemeinsames Dinner mit den anderen Counselors, außer denen, die zu meiner Gruppe gehören und vor allem: erneute Depri-Phasen, das nächste Burn-Out, Stress, Stress, Stress…
Bereits nach den ersten paar Tagen kann ich sicher sagen, dass mir der Aufenthalt in Camp WAZI ohne Kinder besser gefallen hat.

Der neue Ablauf im Stall hat noch nicht die perfekte Routine, so dass ich zu jedem Essen zu spät komme, was für meine Integration in die Gruppe nicht gerade förderlich ist. Fluchen ist streng verboten in Camp WAZI – dafür haben meine Co-Counselorin Alison aus Malta und ich ein probates Mittel gefunden. Alison spricht Maltese, was natürlich ebenfalls kein Mensch versteht und so bringen wir unserem Unmut in den gröbsten Worten lautstark zum Ausdruck – jeder in seiner Muttersprache. Wir tun also etwas extrem verbotenes und können nicht dafür bestraft werden.

Nach der dritten Woche im Camp darf ich endlich auch mal meinen ersten Day off genießen. Die Belegschaft ist in vier Gruppen geteilt und von nun an hat jeder jeden 4. Tag frei. Das klingt oft, aber es ist genau richtig. Endlich keine 7-Tage-Woche mehr! So langsam pendelt sich ein Rhythmus ein…



 

July 4th
Unbearable heat, bonding and: “Riding is not the same without Julia.”

Es ist Independence Day und ich bin mal wieder ärgerlich, dass ich heute im Camp bleiben muss. Da ist man schon in den USA und muss den Nationalfeiertag fernab jeglicher Zivilisation verbringen. Dafür schreibe ich in den amerikanischen Nationalfarben und trage auch nur rot, weß, blau. Ein bisschen Patriotismus muss schon sein – auch wenn’s gar nicht meine Nation ist.

Die Kinder mögen mich mittlerweile, das merke ich. Vor allem die Reiterleute. Zwei Mädchen stehen sogar um 7 morgens auf, um mir beim Füttern zu helfen. Manche wünschen sich, dass ich ihr Counselor wäre. Die Mädels aus meiner Cabin-Gruppe stehen jeden Abend bei Cindy Schlange, um Gute Nacht zu sagen.




Riding Lesson

 

Tja, so unterschiedlich liegen die Sympathien. Weil das so ist, ärgere ich mich nicht mehr und bin nicht mehr so unsicher. Viele fragen mich über meine Heimat aus, himmeln mich an, wenn ich ihnen etwas vorreite, vertrauen mir Geheimnisse an oder schenken mir Ketten und andere Besitztümer. Eine von 6 Stunden habe ich nun meistens frei, weil es da in unserem Department Theorieunterricht gibt und dafür werden nicht alle gebraucht. In dieser Zeit kann ich dann im riesigen Lake McWain schwimmen gehen oder Kajak fahren oder einfach nur schlafen. Die Gesamtheit der Entwicklungen ist also positiv.
Kristy, eine Camperin aus meiner Hütte, bezeichnet es im Huddle-up als ihr persönliches low, dass ich heute meinen freien Tag hatte, denn „riding was not the same without Julia.“  Was will man mehr?




1st Session Girls

 

July10th
Trailrides, Sleepover and „I love you“

Für die erfahrenen Reiter gibt es ab und zu einen Night-Trailride mit anschließendem Sleepover in Hollys Haus, including: Fettige Pizza essen, rumtollen mit ihrem kleinen Sohn Max und absolutes Gruppen-Zusammengehörigkeitsgefühl. Ein toller Abend, fast zu vergleichen mit einem Day off. Wir schauen „The Horse-Whisperer“ auf DVD und die Kinder sind begeistert. Mary und ich schauen uns immer wieder augenrollend an und werfen ironische Kommentare ab. Als ich mit zwei Hunden, ca. 8 Mädels und gefühlten 10 Katzen auf Hollys Wohnzimmerfußboden kurz vorm Einschlafen bin, fühle ich mich ein bisschen, wie auf Immenhof. Immenhof inmitten der USA.




Sleepover at Hollys

Mein Energiepegel steigt von Tag zu Tag wieder an. Der viele Zuspruch der vergangenen Tage hat mich aufgebaut. Flink wie ein Wiesel schleppe ich Heuballen, Wassereimer und übernehme Reitstunden von Mary, damit sie sich ausruhen kann. Dafür ernte ich ein „I love you“ von meiner sonst eher kühlen, nicht unbedingt mit Emotionen um sich werfenden Kollegin. Für die Kinder meiner Hütte bin ich auch schon eine vollwertige Camp-Mutti, denn ich versorge ihre kleinen Verletzungen, begleite sie zum Arzt und bringe sie nachts zum Schweigen – auch wenn kein anderer Counselor in der Nähe ist. Respekt. Eines Abends finde ich einen „I love you“ – Zettel, den die Kinder ab und zu an Counselor verteilen, auch auf meinem Bett.

Während der Evening activity vertraut mir Rachel an, dass sie gerade ihre Tage bekommen hat und nicht weiß, was sie jetzt machen soll. Auch solche Problemchen gibt es. Ich erinnere mich an mein Vorbereitungsseminar  vor zwei Monaten in Berlin, wo man uns dringend davon abgeraten hat, sich mit Kindern irgendwo allein aufzuhalten und sie dann womöglich noch auf den Schoß oder in den Arm zu nehmen. Intuitiv befinde ich das als blödsinnig. An diesem Abend weicht mir die völlig verunsicherte Rachel nicht von der Seite und ich begleite sie überall hin, wo sie hin muss und mehrmals nehme ich sie - ohne darauf zu achten, ob wir Zeugen dabei haben – in den Arm.

Manchmal kommen mir nun düstere Gedanken über die Zeit nach dem Camp und die Zeit nach Amerika. Ich habe mich inzwischen so gut in alles eingefügt, dass ich mir nicht vorstellen kann, wieder in den Flieger zu steigen, wieder an die Uni zu gehen und mich wieder mit den alltäglichen Dingen zu befassen. Zu sehr habe ich mich gewöhnt an das „I love you“ und das „I’ll miss you“ und ich glaube das ganze Leben ist das Camp. Da bin ich nicht die einzige. Eines Abends halten Emily, Cindy und ich ein kleines privates Huddle-up in der Counselor’s Cabin und ich finde heraus, dass auch die anderen Angst vor dem Ende der Season haben. Wir brechen plötzlich mit Schwören heraus, dass wir immer und ewig in Kontakt bleiben, liegen uns in den Armen und fangen alle an zu heulen. Kristy, Kara, Jennah, einige unserer Cabin Kids, bekommen das natürlich mit und stimmen in unser Gejammer ein.

Bald darauf reisen die meisten der Kinder ab, und das Camp bekommt einen Rundumschlag für die zweite Session 2002. Die letzten beiden, die ich sehe, sind Kara und Kristy, die mir um heulend um den Hals fallen und nicht mehr aufhören wollen „I’ll miss you“ zu sagen. Typisch amerikanisch, würde ich spötteln. Dennoch war das ein sehr emotionaler Augenblick, den ich noch ganz lange präsent haben werde und der mir deutlich gezeigt hat, wie viel die Camp-Ferien diesen Kindern bedeuten.


July 21st
“New session starts today”

Nur wenige der Camper bleiben ganze sieben Wochen, sondern entscheiden sich entweder für die ersten vier Wochen oder die letzten drei. Wir Counselors haben zwischendrin einen Tag frei und können uns etwas erholen. New arrangements are made!

Die allseits beliebte Cindy muss aus unserer Community ausziehen und wird sich in der zweiten Session um jüngere Mädchen kümmern, da sie die 14jährigen wohl zu sehr als ihre Freundinnen betrachtet und sich mit ihnen über zu reife Themen unterhält. Ich bin darüber nicht traurig, denn Cindy hat uns anderen Counselors mit ihren romantischen Campaffären und Verkupplungsaktionen jegliche Chance genommen, auch etwas interessant für die Mädchen zu sein.

Als Ersatz haben wir jetzt Yvonne aus Irland, deren Humor etwas rauer ist, was recht gut zu Emily und mir passt. Emmy ist nun mit eine der wichtigsten Vertrauenspersonen im Camp für mich und sie hat mich bereits eingeladen, sie später in diesem Sommer in Albuquerque/New Mexico besuchen zu kommen.




Counselors: Julia, Emmy, Yvonne

Am Nachmittag kommt nach und nach die neue Belegschaft an und ich kann der Sache viel lockerer entgegenblicken. Ich unterhalte mich mit Eltern, führe Kinder durchs Camp und nehme Riding-qualification-tests ab. Überhaupt geht alles viel leichter, viel routinierter ab als beim ersten Mal und ich fühle mich, wie ein verantwortungsvoller und komplett einsatzfähiger Betreuer. Meine Offenheit bekomme ich von den Kindern schnell zurück. Sowohl zu meinen Reitschülern als auch zur Cabin habe ich einen prima Draht.

Joey und ich schmieden Pläne, wie es nach der Camp Season weitergeht. Das ist einerseits traurig, andererseits sehr aufregend. Wir beschließen, noch ein paar Tage länger im Camp zu bleiben und bei den Aufräumarbeiten zu helfen, in der Hoffnung, damit womöglich noch einige Dollars für unsere Reise ansparen zu können.

Mit unseren Reitschülern besuchen wir nun öfter „Horse-Shows“, kleine Turniere, die in anderen Camps abgehalten werden. Demnächst gibt es als kleine Zugabe auch eine Counselor’s competition, wo Holly Mary und mich gemeldet hat, wie sie uns aufgeregt mitteilt. Wir beiden „Super-Talents“ wissen vor lauter Überraschung gar nicht, ob die Freude oder Angst, sich zu blamieren überwiegt. Nur eins ist sicher: wir werden uns dieser Herausforderung stellen.


July 28th
Horseshow, 3-Mile-Lake-Swim and work out – “What the heck is wrong with you?”

Neben der Horse-Show stehen auch jede Menge andere sportliche challenges an. Ich fange an, geraume Zeit auf die Wiederherstellung eines bestimmten konditionellen Niveaus zu verwenden. Morgens gehe ich hin und wieder joggen - die Mädchen schleppen mich mit - und afterwards zeige ich ihnen verschiedene Variationen von Sit-ups und Po-Straff-Gymnastik. Ich lerne ein wenig Tennis spielen, an meinem freien Tag wandere ich zum drei Meilen entfernten Keoka Beach, und jeden Tag nach dem Abendessen sitzen Mary und ich in unserer freien Zeit auf dem Pferd und üben für die Competition. Am Ende nützt es nicht allzu viel, da wir trotzdem von den anderen Teilnehmern ausgestochen werden und die letzten beiden Plätze belegen. Welch Niederlage!!! Die Kids regen sich fürchterlich auf, dass die Richter uns völlig ungerechtfertigt bewertet haben. Sie stehen zu uns, wie auch Holly, die auf unsere Frage, ob wir nun gefeuert werden, mit einem Lachanfall reagiert. Mary und ich sind ziemlich pissed, aber wir dürfen uns nichts anmerken lassen, sondern müssen als faire und großmütige Verlierer Sportlichkeit vorleben.

Die nächste Chance, Sportsgeist zu beweisen ist der Lake Swim. Freiwillige Camper, Counselors, Lifeguards, Krankenschwestern, Köche und was sonst noch alles im Camp weilt sind aufgefordert, sich mit einem Kanu bis ans weit entlegene andere Ende des Lake McWain fahren zu lassen und den ganzen Weg zurück zu schwimmen. Die Strecke ist ungefähr 3 Meilen lang, das sind fast 5 km, Zeitbeschränkung: keine. Ganz klar, dass ich dabei bin. In den letzten Wochen bin ich in fast jeder freien rest period schwimmen gegangen. Abgluckern ist unwahrscheinlich, denn alle Nase lang fährt ein Kanu mit Rettungsschwimmern neben uns mutigen Athleten her und ein Speedboat cruist dazu noch den ganzen See ab. Bereits um fünf Uhr morgens geht die ganze Sache los, während dem Schwimmen kann ich beobachten, wie die Sonne aufgeht. Es ist wirklich manchmal hart, vor allem wenn das andere Ufer einfach nicht auftauchen will. Aufgeben kommt nicht in Frage. Die Kinder, die diese Mammut-Tour gemeistert haben, sind einfach bewundernswert.




Lake McWain

Meine Euphorie hält den ganzen Tag an und am Nachmittag mache ich mich auf zum Climbing Tower, um das erste Mal in meinem Leben Steilwandklettern auszuprobieren. Hier sind mir die Kiddies gnadenlos überlegen und ich sterbe fast vor Höhenangst, aber dennoch: ich schaffe es bis nach ganz oben. Mary hat nur Kopfschütteln für mich übrig, als sie mitbekommt, wie ich meinen freien Tag verbringe. Auf ihr „What the heck  is wrong with you today?“ kann ich nur entgegnen: “I am better than ever.”


August 5th
Porchnight, Shithead and “Reese’s Pieces”

Das Ende ist in greifbarer Nähe. Noch knapp eine Woche und die Camp Season 2002 ist vorüber. Es fühlt sich nicht danach an. Meine freien Tage sind in letzter Zeit jedes Mal aufregend, da ich nun genug Leute mit Autos kenne, die mich immer irgendwohin mitnehmen: Kino, Karaoke Bar, Party, Beach…  Es soll verdammt noch mal nicht gerade jetzt vorbei sein!

Yvonne hat eine neue Tradition eingeführt: wir sitzen fast jeden Abend auf unserer Veranda und spielen Shithead, ein Kartenspiel, an dem so viele Leute wie möglich teilhaben können. Dazu stiftet immer einer „Reese’s Pieces“, die nicht zu übertreffenden amerikanischen Erdnussbutter-Linsen, die ich noch Jahre nach dem USA-Trip vermissen werde. An „Reese’s“ kann man sich nicht satt essen. Die Stimmung ist oft so ausgelassen, dass Abend für Abend mehr aus der Division hinzu gesellen – noch mehr „Reese’s“, noch mehr Karten.  Es gibt Tage, an denen sitzen alle Counselors vollzählig auf der Vortreppe von Hill 2. Manchmal geht das Szenario bis drei Uhr morgens und hin und wieder steckt dann eines unserer Mädchen den Kopf aus der Tür und beschwert sich, weil es nicht schlafen kann, bei dem Krach.




Shithead-Night




The Barn Crew

Bald darauf geht alles sehr schnell. Der Großteil unserer Pferde, die für den Sommer nur geliehen waren, wird abgeholt. Der Kerns Challenge Cup findet statt – ein riesengroßer Wettkampf, bei dem das gesamte Camp in vier Teams geteilt ist, die in unzähligen Competitions (sei es nun „Cheering“ oder Kuchenbacken o.ä.) Punkte sammeln, damit es am Ende einen Sieger gibt. Letzte vertraute Gespräche im Showerhouse, letzte Invasionen in den Walmart, Aufräumen im Stall und fleißiges Schreiben von Busnotes. Busnotes sind kleine Briefe, die man für alle besonders lieb gewonnenen Leute schreibt. Diese dürfen aber erst während der Fahrt (also sozusagen „im Bus“) geöffnet und gelesen werden. Ich bekomme Massen an Busnotes.


August 11th
Saying goodbye – “You are the best person in the world!”

Am vorletzten Abend ist „Banquet Day“ und es findet ein großes förmliches Dinner mit allen Leckereien, die man sich vorstellen kann, statt. Jeder brezelt sich nach bester Möglichkeit auf. Ich hatte keine Ahnung, dass ich auch schicke Sachen mitbringen muss. Manche der Amerikanerinnen tragen richtige Ballkleider. In der letzten Ecke meines Koffers finde ich ein schwarzes Röckchen, welches mir –zugegeben – nicht mehr wirklich passt, aber ich quetsche mich dennoch hinein. Es werden tausende von Fotos in allen möglichen Formationen geknipst, Journals und Adressbücher herumgereicht, damit sich jeder bei jedem verewigen kann. Die Kerns Family teilt vierseitige Listen aus, auf denen die Adressen aller Counselors stehen und jeder bekommt eine. Es kommt einem vor, als ob der Abend nie zu Ende geht und dennoch rast die Zeit wie im Flug.




With two of my girls on Banquet Eve



2nd Session Girls


Nach dem Banquet Dinner heißt es schnell umziehen und das letzte Campfire wird angezündet. Man singt ein letztes Mal die Camplieder und erzählt sich noch einmal die Legende von dem Indianermädchen „Waziyatah“, die vor langer Zeit hier gelebt und dem Camp seinen Namen gegeben hat. Sie durfte das Gelände nie verlassen, aber am Abend ging sie immer runter zum See, wo ihr Verehrer mit dem Boot entlangfuhr und flüsternd ihren Namen rief „Waziyatah…“ 

Manche Camper haben schon ihren fünften Sommer hier verbracht. Einige sind nun 15 und können im nächsten Jahr nicht wiederkommen, weil sie dann zu alt sein werden. Die bekommen nun Auszeichnungen und eine WAZI-Jacke geschenkt. Viele weinen, als ob das Ende der Welt anstünde.

Am nächsten Tag ist alles hektisch. Manche weinen immer noch oder schon wieder. Ich laufe zwischen Stall und Hill 2 hin und her, damit ich möglichst jeden gebührend verabschieden kann. Jesse, eine meiner Reitschülerinnen rennt mich fast um und schreit: „Julia, you are the best person in the world.“ Es fällt mir manchmal immer noch schwer diese überschwänglichen emotionalen Ausbrüche der Amerikaner zu verstehen, aber ich müsste lügen, wenn ich bestreiten würde, auf solche tollen Komplimente jedes Mal tierisch stolz gewesen zu sein.

Nachdem fast alle Kinder weg sind, fangen wir an, die Hütten aufzuräumen und alles für die Wintersaison wegzupacken, so wie wir es vor 10 Wochen vorgefunden hatten. Wir sprechen nicht viel, es herrscht eine schreckliche Leere. Vor einigen Tagen haben Emily, Cindy und ich von unserer Camperin Kara ein Päckchen mit einer CD der Songs dieses Sommers und einer selbst gebastelten Zeitschrift geschickt bekommen. Dieses Geschenk wird den Sommer noch lange aufrechterhalten.

Am frühen Nachmittag verabschiede ich Mary, die zum Flughafen muss. Wir sprechen keine Liebesschwüre aus, sondern drücken uns, tauschen Umschläge aus und versichern, dass alles in den Busnotes gesagt ist. In solchen Dingen ist sie wirklich etwas deutscher als alle anderen, meine Mary. Sie schlägt vor, dass wir uns bald in Chicago treffen. Ich nicke. Dieser Tag endet für mich um vier Uhr morgens auf dem Basketball-Court, wo ich mit Emily und ein paar anderen eingekuschelt in Schlafsäcke und Decken sitze. Fast jede halbe Stunde muss einer los zum Flughafen. Emily fährt um vier ab, um zurück nach New Mexico zu reisen. Nachdem sie weg ist, gehe ich rein und schlafe.

Jetzt sind nur noch Joey und ich da. Und natürlich ein Rest von der Support Staff. Wir bringen das Camp Gelände in Ordnung und kümmern uns um die übrig gebliebenen Pferde. Ich kann jeden Tag Hollys Pferde reiten und schwimmen gehen. Außerdem kann ich abends bei ihr vorbeikommen und ein Schaumbad nehmen. Luxus pur! Joey und ich genießen die letzen Tage mit einem Dach über dem Kopf und regelmäßigen warmen Mahlzeiten. Ich packe meinen Backpack für eine Reise durch die Staaten ein und wieder aus, weil ich mich nicht entscheiden kann, was für Sachen ich genau brauchen werde. Am einem Mittwoch, dem 14. August 2002 verlassen Joey und ich Camp „Waziyatah“.

 

*** Wer jetzt neugierig darauf ist, wie Joey und ich uns zur Westküste durchschlagen und dabei unter anderem an der Busstation in Niagara Falls erfahren, dass unsere Heimat unter Wasser steht (Jahrhundertflut 2002); woher ich die Motivation bekomme, denn Grand Canyon zu durchwandern; warum mich nachts in der Wüste die Polizei aufgreift; ob das Warten unter der Golden Gate Bridge, darauf dass der Nebel abzieht, von Erfolg gekrönt ist und wie ich letztendlich 4000 km alleine zurück zur Ostküste reisen muss und dabei Emily in Albuquerque wieder treffe …  - der warte auf den 2. Teil: Finally out of camp  - a journey through 16 States of America.

Julia Stander

Zum zweiten Teil

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